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Zwischen den Bahnhöfen

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Die Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm ist ein riesiges Projekt. Die Deutsche Bahn lässt allein zwischen Wendlingen und Ulm 60 Kilometer neue Gleise verlegen, 5 Tunnel graben und 37 Brücken bauen. Etwa drei Milliarden Euro soll das Vorhaben kosten. Alles, damit der ICE künftig eine halbe Stunde Fahrzeit einspart.

Für Pendler ein Vorteil. Für Anwohner nicht unbedingt. Einige Bauern müssen ihr Land aufgeben, kleinere Gemeinden, wie Merklingen, kämpfen darum, nicht vom Fernverkehr abgehängt zu werden. „Zwischen den Bahnhöfen“ ist ein multimediales Projekt der Volontäre der Neuen Pressegesellschaft. Wöchentlich erscheinen auf dieser Seite Geschichten entlang der neuen Bahnstrecke.

Ein Berg wie ein Schweizer Käse

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Der Eingang in das unterirdische Labyrinth, das den Ulmer Michelsberg durchzieht, liegt in Alexander Hubers Garten zwischen Rasen, Blumenbeet und Gartenmöbeln.

Mit einem kräftigen Ruck hievt er den Gullideckel aus seiner Verankerung, klettert auf die ein Meter tiefe Zwischenebene und lässt eine lange Aluminium-Leiter in die Dunkelheit hinabgleiten, bis sie auf sandigen Grund stößt. „Seid vorsichtig“, sagt er und packt alle Taschenlampen in eine Plastiktasche, um sie separat runterzulassen.

Unter Hubers Garten beginnt ein schier endloses Geflecht aus unterirdischen Gängen und verlassenen Backsteinhallen, manche groß genug, um ein Haus hineinstellen zu können, manche bereits teilweise eingestürzt. Die Luft ist kalt und feucht, der Boden lehmig und nass. Nur wenige Meter weiter soll bald der Albabstiegstunnel entstehen; kein Raum ist den modernen Betonröhren so nahe, wie diese maroden Kellergewölbe. Die Lichtkegel der Taschenlampen streifen weite Backsteinwände, Geröll und versiegelte Schächte. Dicke Betonpfeiler tragen die Häuser über den Hallen.

Vor dem Krieg standen an der Oberfläche zwei Brauereien, die ihre Fässer im kühlen Untergrund lagerten. Sie schufen ein Netz aus unterirdischen Räumen, das von der Mühlsteige bis zum Fuße des Berges führt. Die Brauereien gibt es nicht mehr, seit fast 70 Jahren sind die Keller dem Verfall preisgegeben. Zugang erhält heute nur, wer den richtigen Gullideckel kennt.

In der Nachbarschaft ist der Untergrund weitgehend in Vergessenheit geraten. Die meisten Anwohner haben die Hallen ein, zwei Mal erkundet und den Gullideckel danach nicht mehr geöffnet.

Und dann kam die Bahn.

Nur wenige Meter weiter möchte der Konzern den Michelsberg bald um einen weiteren Hohlraum erweitern. Für die Bahnneubaustrecke zwischen Ulm und Stuttgart soll hier mit dicken Bohrern und Dynamit ein Bahntunnel in den löchrigen Berg gefräst werden. Durch die Bauarbeiten sind die fast vergessenen Hallen unter dem Wohngebiet im Ulmer Norden wieder ins Bewusstsein seiner Bewohner gerückt. Der Abstiegstunnel kommt der Kellerlandschaft schließlich sehr nahe, oder, wie die Bahn es auf Anfrage ausdrückt:

,,Die Kelleranlage befindet sich im Randbereich, östlich der östlichen Tunnelröhre. Der Hauptteil liegt ca. 20 m (...) entfernt. Eine 'Halle' befindet sich auf ca. 2 m Länge oberhalb des Ausbruchquerschnitts und eine 'Kammer' reicht fast bis zur Achse des östlichen Tunnels: Die Überdeckung zwischen Kellerboden und Tunnelfirste beträgt ziemlich genau 10 Meter.'' – Mitteilung der DB auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE

Die ‘Halle’ von der die Bahn hier spricht, ist 45 Schritte lang, sechs Schritte breit und liegt am Fuße einer Wendeltreppe mit 40 Stufen. Die Luft ist kalt, der Boden betoniert, am Ende der Halle ragen zwei Betonsäulen, die das Haus über dem Keller stützen. Das Gewölbe befindet sich unter der Weinhandlung G.U.T. und ist der einzige Teil der Kelleranlage, der noch aktiv genutzt wird, für Weinverkostungen etwa oder für kleine Weihnachtsmärkte. Es ist aber auch der Raum, der den Bohrungen am nächsten kommen wird – gerade einmal 10 Meter trennen die Tunnelröhre und das marode Gewölbe.

“Mit den beiden Sälen hinten rechts und links kommen wir hier gewiss auf 700 Quadratmeter”, sagt Ulrich Schmid-Lindenmayer und streckt seine rechte Hand abwägend in die Luft. Er verbringt viel Zeit in der Weinhandlung, ist ein Freund des Besitzers und beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte des Gebäudes. „Hier lagerten überall schwere Behälter, an der Wand können Sie noch die Plexiglas-Rohre sehen, mit denen das Bier dort hineingepumpt wurde.“

Der 76-Jährige hat eine Vorliebe für längst vergangene Zeiten. Von Zeit zu Zeit hilft er in der Weinhandlung aus und bestückt ihre Wände mit alten Bildern. Einige zeigen den Michelsberg, als hier noch die Rotochsen-Brauerei stand, in deren Brauhaus sich nun die Weinhandlung befindet. Andere zeigen den Lebensmittelladen, der nach dem Krieg folgte, wieder andere zeigen die schöne Innenstadt vor ihrer Zerstörung im Winter 1944. Der Keller ist für Schmid-Lindenmayer ein Teil der Stadtgeschichte. Er erzählt von den 20 Brauereien, die es gab, als Ulm noch Garnisonsstadt war, er erzählt vom Aufstieg und Niedergang, von Hochmut und Zerstörung. „Bei einer Weinverkostung hat mir eine alte Dame erzählt, dass sie und viele andere hier Schutz vor dem Luftangriff im Winter 1944 gesucht hat“, sagt er.

Im Gegensatz zu dem restlichen Gewölbe wurde die Halle unter der Weinhandlung auch nach dem Krieg in Schuss gehalten. Sein Boden wurde gefestigt, die Elektrik erneuert, Geröll aus dem Weg geräumt. Als die Pläne der Bahn konkreter wurden, sind Beamte vorbeigekommen und haben die Halle besichtigt. Bedenken hatten sie danach keine. Doch der Bierkeller unter der Weinhandlung ist nur der Anfang.

Eine alte Karte der Ulmer Brauereigesellschaft zeigt fünf große Gewölbeabschnitte, die sich in der Breite von der Mühlsteige bis zum Elisabethenhaus erstrecken. Die Ulmer Brauereien waren allerdings nicht die einzigen, die auf dem Michelsberg gegraben haben.

„Unter der Kreuzung ist noch eine weitere Halle, die ist in den Plänen nicht erfasst”, sagt Alexander Huber und meint damit die Kreuzung direkt hinter der Neutorbrücke. Vor 27 Jahren ist er runtergeklettert, damals, als hier groß umgebaut wurde. Er kam mit einer Holzvertäfelung der Wehrmacht wieder zurück an die Oberfläche.

„Da war ein großes Gewölbe, schon zur Hälfte eingestürzt. Feldbetten und Kübel standen dort, an der Wand hingen Holztafeln mit Nazi-Symbolen”, sagt er. Als bekannt wurde, dass die Bahn hier ihre Tunnel bohren möchte, als die Gutachter kamen, Bestandsaufnahmen von den Häusern machten, die Brauereikeller besichtigten und den Wehrmachtkeller ausließen, wandte er sich direkt an das Unternehmen. Der zuständige Mitarbeiter antwortete ihm im November 2013:

,, (...) es war vorgesehen, dass wir am 15.11.2013 die Kelleranlagen unter der Kreuzung Kienlesbergstraße/Mühlsteige erkunden. Zu diesem Zweck brauchen wir die Zuarbeit und Erlaubnis der Stadt Ulm. Leider habe ich trotz mehrfacher Anläufe/Telefonate noch keinen zuständigen Ansprechpartner bei der Stadtverwaltung gefunden (...)'' – Auszug aus dem E-Mailverkehr zwischen Alexander Huber und dem zuständigen Bahnmitarbeiter

Seitdem hat Huber nichts mehr gehört. Dabei sei die Halle nicht nur näher an der künftigen Baustelle, sie ist seit 70 Jahren dem Verfall überlassen, ohne dass jemand darüber wacht. Wie es heute dort aussieht und ob sie den Erschütterungen standhält, kann keiner sagen.

Die Stadt weist die Verantwortung von sich. “Der Termin hat am 6. Dezember stattgefunden”, heißt es dort. Der zuständige Bahnmitarbeiter habe dabei allerdings lediglich einen 25 Meter tiefen Schacht erkundet – von einer Wehrmachtshalle wisse man nichts, auch sei es Aufgabe des Bauherrn, also der Bahn, für die Einhaltung aller Richtlinien zu sorgen.

Was bleibt, ist ein mulmiges Gefühl einiger Anwohner auf dem Michelsberg. Mit den Bauarbeiten beginnt für sie auch der ungewisse Abstieg in die Vergangenheit des Viertels. Denn niemand kann ganz genau wissen, was sich im dunklen Bauch des Berges noch verbirgt.

Fotos: Matthias Kessler
Videos: Dorothea Nitzsche
Text: Thomas Block

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Grafik: Tanja Krapp
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