Tunnelpatin hinter dem Tresen

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Grauslig war es, erzählt Silke Ramminger, wenn man sie auf die Sprengung im Tunnel fast vor ihrer Haustür auf der Schwäbischen Alb bei Hohenstadt anspricht. Zu laut war es, zu staubig, beängstigend. Seit gut anderthalb Jahren sprengen Bergleute rund einen Kilometer südöstlich von Hohenstadt den Steinbühltunnel – Teil der Ausbaustrecke Ulm-Wendlingen, ins Gestein.

Die Arbeiter an der Baustelle kennt die Wirtin des Gasthofs „Sonne“ in Hohenstadt gut. Jeden Tag kommen rund 25 Mineure, Ingenieure und Techniker zu ihr ins Wirtshaus. Deshalb freute sie es um so mehr, dass sie bei einer Sprengung im November vergangenen Jahres mit dabei sein dufte: „Ich war Tunnelpatin“, erklärt Ramminger. Eine Ehrensache für die 41-jährige Wirtin. “Im Urlaub sind wir angerufen worden”, sagt Ramminger. “Es hieß ,Kommt schnell heim’. Dann sind wir eben aus dem Salzburger Land nach Hause gefahren.”

Als Tunnelpatin war es ihre Aufgabe, die erste Sprengung für den Querschlagtunnel Q8, später ein Rettungstunnel, auszulösen. “Man stellt sich ja nach so einer Sprengung ein riesen Loch vor – aber da war erstmal nur Schotter”, erklärt Ramminger. Obwohl sie während der Sprengung hinter einem Sicherheitscontainer mit ihrem Mann und den drei Söhnen stand, konnten sie die Druckwelle spüren. “Meine Tochter hat sich nicht getraut mitzukommen. Ich bräuchte es auch nicht nochmal.” Die Arbeiten am Querschlag dauerten etwa eine Woche, dann war der Durchbruch erreicht. Solange sich der Steinbühltunnel noch im Bau befindet, heißt Q8 “Silkestollen”.

Es ist im Bergbau Tradition, dass jeder Tunnel eine Patin bekommt. “Um uns Glück zu bringen”, erklärt Christoph Sturm. Der 28-Jährige ist Techniker in der Bauleitung des Steinbühltunnel und einer der Stammgäste von Silke Ramminger. “Für die Leute ist es wichtig, dass sie eine Beziehung zu der Person haben, die die Patenschaft übernimmt”, erklärt Sturm. “Bei Silke hat das nahe gelegen. Jeder kennt sie und sie kümmert sich.” Der Brauch geht zurück auf die heilige Barbara – die Schutzpatronin der Bergleute.

Sich kümmern: Dazu gehört nicht nur das tägliche Essen und die Unterkunft in den Fremdenzimmern der Gaststätte. “Inzwischen ist eine Freundschaft entstanden”, erzählt Sturm. Gemeinsame Besuche der umliegenden Dorffeste, ein Ausflug zum Wasen nach Stuttgart und auch der ein oder andere Tipp im Alltag haben die Wirtsleute und die Arbeiter zusammengebracht. “Wenn sie zum Friseur oder so müssen, fragen sie uns um Rat.” Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern kommt nur zögerlich zustande. “Wir sind halt Schwaben”, erklärt Ramminger. “Da dauert es eine Weile, dafür hält es dann auch.”

Tunnelpatin, Die

Das Patenamt, das immer eine Frau inne haben muss, dauert solange wie die Bauphase des Tunnels. Die Patin gilt in dieser Zeit für die Bergleute als irdische Vertreterin der heiligen Barbara – der Schutzpatronin der Bergleute. Sie ist eine der 14 Nothelfer und wird unter anderem gegen plötzlichen, unvorhergesehenen Tod angerufen. Der Überlieferung nach soll sie sich auf der Flucht vor ihrem Vater, der sie ermorden wollte, in einer Felsspalte versteckt haben.

Zum Amt der Tunnelpatin gehört es auch, dass die Patin die Mineure am Tag der ersten Sprengung mit Essen versorgt. “Ich hatte Kaffee, Kuchen und Leberkäswecken dabei”, berichtet Ramminger. Auch ihre Speisekarte haben Rammingers für ihre Langzeit-Gäste, die hauptsächlich aus Österreich kommen, ein wenig verändert. Am liebsten haben sie Kartoffeln. “Und Fleisch”, ergänzt Ramminger. “Linsen und Spätzle mögen sie überhaupt nicht – das lassen wir jetzt sein.” Dafür steht jetzt jeden Tag ein Dessert auf der Karte, meistens Kuchen.

Alle Fremdenzimmer sind an die Leute von der Baustelle vermietet. “Wir haben erst überlegt, ob wir alle Zimmer an sie vermieten sollen”, sagt Ramminger. “Eigentlich hatten wir Stammgäste aus Holland. Die verlieren wir natürlich über die Jahre. Wenn die Bauarbeiten fertig sind, wird es hart, neue Stammgäste zu bekommen.” Aber es sei gut, dass die Zimmer und Wohnungen für die kommenden vier Jahre durchgängig vermietet sind. Seit 2006 betreiben Silke und Marko Ramminger den Gasthof, der in dritter Generation Marko Rammingers Familie gehört. Und die nächste Generation ist bereits gesichert. Rammingers ältester Sohn Oliver (16) macht eine Ausbildung zum Koch.

Und das, obwohl die Arbeit in einer Dorfwirtschaft viel Zeit in Anspruch nimmt: Morgens um sechs beginnt ihr Arbeitstag, sechs Tage die Woche. Nach dem Frühstück für ihre vier Kinder und die Gäste, beginnen die Vorbereitungen für den Mittagstisch: Eine Stunde lang werden Kartoffeln geschält. Bis das Lokal um halb zwölf öffnet, kümmert sich Silke Ramminger vor allem auch um die Blumen im Gastraum und in den Blumenkästen außen am Haus. “Das ist mir sehr wichtig.”

Zeit für sich, ihre Familie und ein Pony bleibt in den drei Stunden zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags, wenn die Wirtschaft geschlossen hat. So ein Tagesablauf ist nicht immer einfach zu meistern. “Vor allem als die Kinder noch klein waren, war es recht anstrengend”, sagt Ramminger. “Vier Kinder unter vier Jahren – das war eine Herausforderung.” Heute ist der Älteste 16 Jahre alt, die Jüngsten, Zwillinge, sind 13. Silke Ramminger hängt an ihrem Gasthof – und an ihren Gästen. “Sie geben einem alles zurück, was man investiert.” Dabei war es zunächst nicht ihr Wunsch, eine Dorfgaststätte zu leiten. “Nie. Ich wollte nie selbstständig sein”, erklärt Ramminger, die aus Asselfingen bei Langenau stammt.

„Dass ich Hotelfachfrau gelernt habe, war überhaupt schon ein Zufall.“

Nach der Schule wusste sie erst mal nicht, was sie machen sollte. “Eine Freundin hat mich dann in ein Hotel mitgenommen.” Während die Freundin nach ein paar Tagen wieder absprang, war Ramminger sofort begeistert – und blieb dabei. Auf der Berufsschule lernte sie dann ihren Mann kennen. “Bei ihm war geplant, dass er die Gaststätte übernimmt”, erzählt sie. “Jetzt hängt auch mein ganzes Herzblut dran.”

Fotos und Videos: Dorothea Nitzsche
Text: Julia Kling


Von herinnen nach draußen

Die meiste Zeit verbringt Gotthard Pajenk derzeit auf der Schwäbischen Alb. Dabei schlägt sein Herz eigentlich für eine Landschaft mit imposanteren Gipfeln. Pajenk ist Kärntner und einer der Mineure, die bei Hohenstadt den Steinbühltunnel vorantreiben. Zehn Tage Arbeit und Container-Schlafplatz, fünf Tage frei und Heimat pur – dieser Rhythmus bestimmt sein Leben. Und das seiner Frau Erika.

Der Mais steht hoch in Kärnten. Zumindest im Bezirk Völkermarkt, hart an der österreichisch-slowenischen Grenze. Wer von der Tauernautobahn kommend ins Heimatdorf von Gotthard Pajenk unterwegs ist, überfährt die Jörg-Haider-Brücke. Die Straßenbeschilderung ist zweisprachig, die Gegend strukturschwach. Einzig ein Werk des deutschen Filterherstellers Mahle erhebt sich direkt am Traundorfer Ortsrand aus dem Mais.

Gotthard Pajenk ist trotzdem stolz auf seine Heimat. Und weil das auch der Rechtspopulist und ehemalige Landeshauptmann Jörg Haider war, mögen ihn die Leute hier im Südosten Österreichs. „Kärnten ist das ärmste Bundesland in Österreich“, sagt Pajenk. Dafür sei es aber reich an Natur. Der Klopeiner See, das Drautal, die Karawanken samt des Traundorfer Hausbergs Petzen – all das ist Ankommen für den Mineur. „Weil ich viel weg bin, ist die Heimat vielleicht besonders wichtig für mich“, sinniert er.

„Herinnen“ und „draußen“ – so hat der 47-Jährige seine Welt aufgeteilt. Draußen ist alles außerhalb Kärntens, für den Mineur vor allem sein derzeitiger Arbeitsort Deutschland. Herinnen ist, wo er aufwuchs und bis heute lebt. In jungen Jahren hat Pajenk zwar auch gerne mal im fernen Portugal oder Spanien gearbeitet, jetzt ist ihm Hohenstadt aber schon weit genug von der Heimat entfernt. Knapp 40.000 Kilometer legt er so pro Jahr als Berufspendler zurück.

Unzufrieden macht ihn das nicht. Denn noch schlimmer als das Arbeiten im fernen Draußen ist für ihn eine Heimbaustelle im vertrauten Herinnen. Vor einigen Jahren arbeitete er im Auftrag seiner Stammfirma Östu-Stettin („Das ist ein super Betrieb“) im benachbarten Völkermark. „Das will ich nicht mehr“, sagt er. Die Nähe zwischen Arbeitsplatz und seinem Haus in Traundorf hat ihn gestresst. Jeden Abend zuhause, keine Trennung von harter körperlicher Arbeit im Tunnel und Ausgleich im heimischen Garten – nein, da fährt der Mineur schon lieber die 500 Kilometer von Hohenstadt nach Kärnten. In der Regel vier Mal im Monat.

„Oje, ich kann mir gar nicht vorstellen, den Gotthard immer hier zu haben.“ – Erika Pajenk zum Lebens- und Arbeits-Rhythmus ihres Mannes

20 Tage verbringt er als Schichtführer (im Dunkelbau nennt man das Drittelführer) im schwäbischen Tunnel. Zehn Tage im Monat hat er Zeit für die Familie. Was bedeutet das fürs Zusammenleben? „Oje, ich kann mir gar nicht vorstellen, den Gotthard immer hier zu haben“, sagt Erika Pajenk. Seit elf Jahren ist sie mit dem Mineur verheiratet, hat mit ihm zusammen einen Sohn aufgezogen, den sie mit in die Ehe brachte, und ist das Leben in Arbeits-Dekaden und fünftägigen Familienphasen gewöhnt. Schließlich hat Erika ihren Mann ja auch während einer Arbeits-Dekade in der Disko kennengelernt. Draußen – in diesem Fall in Niederösterreich. Herinnen arbeitet sie inzwischen in einer Bäckerei in Klagenfurt, in der sie ihre Arbeitszeiten so flexibel gestalten kann, dass sie Zeit für Gotthard hat, wenn er zuhause ist. Abgang nennen die Mineure ihre fünf Tage in der Heimat.

Zwei Mal Abgang im Monat, diese Phasen sind für Erika und Gotthard wichtig. Sie nutzen sie, um geballt zu tun, was in anderen Familien über den Monat verteilt passiert: Radfahren, Ausflüge an einen der vielen Seen in der Umgebung, Wandern, den immerhin 2500 Quadratmeter großen Garten pflegen. Gerade für den Tunnelarbeiter ist die Freizeit unter freiem Himmel wertvoll: kein Gebirge über dem Kopf, sondern am Horizont und dazu eine Menge „Sonnenlicht fürs Gemüt“.

Im Abgang ist Pajenk mehr Marmeladenkoch und Grillmeister als Mineur. „Der Gotthard ist ein toller Bursche, der viel kann“, lobt Erika. Gotthard wiegelt ab und erklärt, dass er das Werkeln und Wursteln als Ausgleich einfach genießt. Abspannen. „Ich rede herinnen so gut wie nie übers Arbeiten“, sagt er.

Erika hat ihren Mann erst einmal in der Arbeitskluft gesehen. Im Haus in Traundorf ist keine Spur des Dunkelbau-Lebens zu finden. Nirgends ein Helm, Gummistiefel Fehlanzeige. Die Familienfotos an der Wand sind oberirdisch aufgenommen, zeigen allenfalls den jugendlichen Gotthard auf dem Fußballplatz. Von dort hat der Kärtner seinen Spitznamen „Gogo“. Er stand schon kurz vor der Profikarriere, trainierte vier Mal pro Woche im Leistungszentrum in Klagenfurt, als er sich nach Abschluss seiner Lehre zum Wasserleitungs-Installateur für den Dunkelbau entschied.

Wie schon sein Vater und zwei seiner drei älteren Brüder zog es ihn unter die Erde. Im Salzbergbau, in Kupferminen, in Tunnelröhren, Schächten und Staudammmauern, überall, wo kein Tageslicht mehr ankommt, hat Pajenk seither gearbeitet. Teils waren die Projekte so gefährlich, dass er dafür heute nicht mehr zu haben ist. „Alimak mach ich nicht mehr“, sagt er und erklärt, dass der Fachbegriff den Bau von Schächten beschreibt, die von unten nach oben gesprengt werden müssen. „Da weißt du nie, was von oben kommt.“

Wusste er vom Vater nicht um die Gefahr? Warum also diese Berufswahl? Da zögert Gotthard Pajenk keine Sekunde: „Es ist das Geld.“ Unabhängig davon, dass sich der 47-Jährige heute gar keine andere Arbeit mehr vorstellen kann, entschied er sich einst für den Dunkelbau, weil er dort mehr als das Doppelte eines normalen Handwerkers verdienen konnte. Gerade im strukturschwachen Kärnten, wo die Löhne unterdurchschnittlich sind, haben viele Männer diesen Weg gewählt. Das Mölltal (bei Spittal, etwa 100 Kilometer von Traundorf entfernt) trägt, in Anspielung auf die im Tunnelbau üblichen orangen Sicherheitsstiefel, den spöttischen Namen „Tal der tausend Gummistiefel“.

Kärnten ist das südlichste Bundesland der Republik Österreich mit knapp 560.000 Einwohnern. Landeshauptstadt ist Klagenfurt am Wörthersee. Kärnten grenzt im Westen an Osttirol, im Nordwesten an Salzburg, im Nordosten an die Steiermark und im Süden an Slowenien sowie Italien. Kärnten ist das wirtschaftlich schwächstes Bundesland in Österreich. Es kämpft mit ¬einer sinkenden Einwohnerzahl und weist die höchste Arbeitslosigkeit und die höchste Verschuldung auf. Nach Tirol und Salzburg ist Kärnten das drittwichtigste Tourismus-Bundesland in Österreich. Die Mehrheit der Bevölkerung Kärntens ist deutschsprachig. Im Süden des leben Angehörige der slowenischsprachigen Volksgruppe als anerkannte Minderheit.

Auch die Besitzer der Gummistiefel, die derzeit an der Bahn-Neubaustrecke zwischen Ulm und Stuttgart unterwegs sind, kommen zu einem guten Teil aus Österreich. Neben den Kärtnern sind es die Steirer und Tiroler, die dafür sorgen, dass der Umgangston auf den Baustellen an den letzten Österreich-Urlaub erinnert. Ist da nicht die Baustelle auch schon etwas Heimat? Nein, so sieht es Gotthard Pajenk nicht. Obwohl auch sein Bruder Wolfgang als Bauführer am Portal des Steinbühltunnels arbeitet, ist und bleibt die Heimat Kärnten. Dennoch ist die Baustelle auf der Schwäbischen Alb für ihn etwas Besonderes. Der Grund liegt abseits des österreichischen Containerdorfs. „Wir fühlen uns in Hohenstadt gut aufgenommen und kommen richtig gerne mit den Leuten zusammen“, sagt der Mineur und betont, das diese Nähe zwischen Einheimischen und Wander-Mineuren keinesfalls die Regel sei. Dass er noch etwa zwei Jahre auf der Alb arbeiten wird, freut den Kärtner daher. Und auch seine Frau Erika sagt: „Das passt für den Gotthard und damit auch für mich.“

Fotos: Volkmar Könneke und Matthias Stelzer
Video: Thomas Block
Text: Matthias Stelzer


Schichtbeginn mit frischen Semmeln

Der Nebel schleppt sich über die Felder. Es ist halb fünf Uhr morgens auf der Schwäbischen Alb. Für Bäcker Niko Kalik in Gosbach ist um diese Zeit der halbe Tag schon vorbei. Mit einem langen Brotschieber holt er fertig gebackene Brezeln aus dem Ofen. Es duftet nach frischem Brot.

Seine Mitarbeiterin Alexandra Hof lädt körbeweise Semmeln, Croissants und Brezeln in einen Verkaufswagen. Sie fährt zur Tunnelbaustelle bei Hohenstadt, um Mineure und Ingenieure mit Gebäck, Kaffee und vor allem Cola zu versorgen. Häufig gekauft und wahrscheinlich bitter nötig, um die Zwölf-Stunden-Schichten am Steinbühltunnel durchzuhalten.

Die Bäckerei Kalik gibt es seit sieben Jahren. Zuerst betrieb die Familie ihren Laden im Ortskern von Gosbach (Kreis Göppingen). „Aber unser Ziel war schon immer an der Bundesstraße 466 das Geschäft aufzumachen“, sagt Kalik. Der viele Verkehr bringt viele Kunden. Niko Kalik und seine Frau leben für den Betrieb. Während sie die Buchhaltung erledigt, backt der 33-Jährige mit einer Handvoll Mitarbeitern jede Nacht durch.


Eigens für die Baustelle hat der Bäcker einen Verkaufswagen angeschafft. „Ein paar österreichische Baufirmen sind auf mich zugekommen und haben gefragt, ob ich sie beliefern möchte.“ Gesagt. Getan. Seit einem Jahr müssen die Arbeiter nicht mehr ohne frische Brötchen auskommen.

Von fünf Uhr bis halb acht stellt sich Alexandra Hof mit dem Verkaufswagen neben die Wohncontainer. Jeden Tag, außer sonntags. „Das hat sich nicht so rentiert, deshalb kommen wir am Sonntag nicht mehr“, sagt die 21-Jährige.

Ihre Handgriffe sitzen: Brötchen in der Auslage drapieren, Kaffeebecher bereitstellen. Dann heißt es warten. Aus der Ferne hört man den Verkehr der Autobahn 8 herüber rauschen. Ein Radio hat Alexandra Hof nicht. Auch keine Zeitung. „Die wird so früh noch nicht ausgetragen.“ Der Fachverkäuferin macht es nichts aus, jeden Tag so früh aufstehen zu müssen. Im Gegenteil. „Mir macht das Verkaufen am meisten Spaß.“

Gegen halb sechs kommen die ersten Bauleute aus ihren Containern geschlurft. In etwa 30 Minuten ist Schichtwechsel. „Einen Kaffee ohne Deckel, bitte“, bestellt einer der Bauarbeiter mit Zigarette im Mund. Mehr sagt er nicht. Für mehr Worte ist es zu früh. Seine Augen sind klein und leicht rot unterlaufen. „Einen Euro, bitte“, sagt Alexandra Hof. Damit endet das Gespräch.

Kurz vor sechs Uhr ist mehr los. Die meisten Kunden tragen T-Shirt und Arbeitshose. Einige fahren in Autos vor, halten kurz beim Bäcker und fahren schnell weiter. Verkaufsrenner sind an diesem Morgen einfache Semmeln und Cola. Auch die Sonne hat sich allmählich entschieden aufzustehen. Ein schöner, warmer Sommertag bricht heran. Den Arbeitern kann das aber egal sein. Im Tunnel bekommen sie davon nichts mit.

Mit müder, knarrender Stimme bestellt Walter Niederseen Semmeln. Der Elektriker ist froh, dass der Bäcker jeden Morgen zur Baustelle kommt.

„Wenn der Bäcker nicht wäre, müsstest du dich außerhalb versorgen. Da müsstest du jeden Tag mit dem Auto fahren.“

Er schätzt, noch zwei bis drei Jahre auf der Baustelle zu sein. In der Regel arbeiten die Männer neun Tage durch und haben anschließend fünf Tage frei.

Etwa 100 Mineure treiben den Albaufstieg voran. Dazu kommen 50 Ingenieure und Planer. Nach Informationen der Deutschen Bahn arbeiten insgesamt zwischen 350 und 400 Menschen auf den Tunnelbaustellen der Neubaustrecke. Arbeitsplätze, die es ohne das Bahnprojekt nie gegeben hätte. Die Kennzeichen an den Autos der Mineure verweisen nach Österreich, Polen oder Ostdeutschland.

Stellt sich die Frage: Profitiert auch die Wirtschaft Baden-Württembergs von dem Projekt? „Ja“, sagt Werner Rothengatter, emeritierter Professor des Instituts für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsförderung der Universität Karlsruhe. Der 71-Jährige war 2009 an einer Studie über die Wirtschaftlichkeit von Stuttgart 21 und der Neubaustrecke beteiligt.

Jahrgang 1943
an Universität Karlsruhe bis 31.03.2009 Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung
Forschungsgebiete Verkehr und Umwelt, Nutzen-Kosten-Untersuchungen, Verkehrsmodellierung, Simulation der Interaktion Wirtschaft und Verkehr, Kooperative Logistik

Das Ergebnis aus heutiger Sicht: „Auch fünf Jahre nach der Studie bleibe ich bei unseren Erkenntnissen: Das Bahnprojekt ist wirtschaftlich.“ Zwar haben sich die geschätzten Kosten für den Bau von Stuttgart 21 und der Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm auf etwa zehn Milliarden Euro verdoppelt, aber die positiven Effekte blieben dieselben: Die Region profitiere von der Neubaustrecke.

Ist die Schnellbahntrasse einmal fertiggestellt, können nicht nur Pendler zügiger von Ulm nach Stuttgart kommen. Die kürzere Fahrzeit beeinflusst auch die Produktivität regionaler Firmen – Rohstoffe sind schneller vor Ort und die fertige Ware ist schneller beim Käufer. Laut Studie soll es auch mehr Beschäftigte im Land geben. „Wir rechnen mit etwa 8000 bis 9500 Vollerwerbstätigen mehr in Baden-Württemberg“, sagt Rothengatter.

Zu beachten ist allerdings, dass Städte und Gemeinden, die keinen Haltepunkt an der Schnellbahnstrecke haben, gut an das Verkehrsnetz angebunden sein müssen. „Dann können auch regionale Firmen auf dem Land mit einem wirtschaftlichen Zuwachs rechnen“, schätzt Rothengatter.

Bäckermeister Kalik profitiert vor allem von der Bauphase des Projekts.

„Ich kann zwar noch nicht in Rente gehen, aber ein bisschen was verdiene ich dadurch schon.“

Vor allem, weil es in Hohenstadt keinen Bäcker gibt. Die Konkurrenz hält sich in Grenzen.

Hauptsächlich sind am Steinbühltunnel Männer beschäftigt. Keiner von ihnen hält sich lange am Verkaufswagen auf. „Normalerweise ist mehr los“, sagt Alexandra Hof. Dann würden sich die Bauleute auch ein wenig mit ihr unterhalten. Man kennt sich, tauscht sich ein bisschen aus. Ob sich die Verkäuferin auch ein paar anzügliche Sprüche anhören muss? „Nein. Da gibt es nur einen, der mal einen Spruch loslässt, aber der kommt selten. Alle anderen sind sehr nett.“

Kurz vor sechs Uhr sind die Semmeln ausverkauft. Der Brotkorb ist leer. „Sonst gehen die nicht so gut weg“, sagt Alexandra Hof. Prompt kommt auch schon die erste kleine Beschwerde. „Du hast ja fast gar nichts mehr da“, moniert einer der Arbeiter. Dabei gibt es noch belegte Brötchen, Nussschnecken, Amerikaner, Pizzabrote, Laugenbrötchen und und und. Herzhafte Dinge scheinen die Männer zu bevorzugen. Süßes kaufen sie kaum.

Gegen halb sieben parkt Alexandra Hof um. Etwa 50 Meter weiter stellt sie den Wagen vor den Büros der Bauleiter ab. „Die wollen nicht so weit laufen.“ Bis auf ein paar Arbeiter kommt aber an diesem Tag niemand mehr vorbei.

Um halb acht fährt die Verkäuferin wieder zur Bäckerei zurück. „Ich muss jetzt noch den Wagen ausräumen, sauber machen und dann noch ein paar Stunden im Laden helfen.“ Das übrig gebliebene Gebäck wird im Laden der Bäckerei zum Verkauf angeboten.

Noch sechs Jahre sollen die Tunnelarbeiten dauern. So lange kann Niko Kalik fest mit einem guten Geschäft auf der Baustelle rechnen. Danach hofft der Bäckermeister auf den weiteren Ausbau der Autobahn8. Eine neue Baustelle bedeutet vielleicht auch wieder neuen Bedarf an Backwaren. „Da könnte ich den Verkaufswagen weiter nutzen.“

Fotos: Julia Kling
Video: Julia Kling, Dorothea Nitzsche
Text: Dorothea Nitzsche


Engel 07 und die heilige Barbara

Jeans, Karohemd, dicke schwarze Bauarbeiterstiefel mit gelben Schnürsenkeln, auf dem Kopf ein Bauarbeiterhelm – so geht Peter Maile über die Tunnelbaustelle in Hohenstadt. Doch Peter Maile ist kein Mineur und er gehört auch nicht zur Bauleitung. Er ist katholischer Diakon. Über dem Fleecekarohemd trägt er eine rote Signaljacke. Hinten drauf ist zu lesen: “Betriebsseelsorger – business spiritual welfare”.

Maile sieht sich als Vertreter der Tunnelheiligen Barbara, nur eben geerdet. Die heilige Barbara hat im Tunnelbau eine ganz besondere Bedeutung. Der Seelsorger erklärt mit sanfter, sehr lebendiger Stimme und vielen Gesten, dass die Tunnelheilige für Sicherheit, Schutz und weiblichen Charme stehe. Eine Statue der Heiligen steht auf den Baustellen immer am Eingang des Tunnels. Am 4. Dezember, dem Barbaratag, wird nicht gearbeitet.

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Unterkunft der Mineure in Hohenstadt. Viele kommen aus Österreich und Polen.

Stattdessen gibt es im Tunnel ein großes Festmahl für alle Arbeiter. Außer Weihnachten, Ostern und am Barbaratag arbeiten die Mineure das ganze Jahr hindurch. Peter Maile ist seit zwei Jahren Betriebsseelsorger beim Bahnprojekt Stuttgart 21 und der Neubaustrecke Stuttgart-Ulm. Er findet “es tut gut, dass die Kirche vor Ort ist”,  und nennt das eine Geh-Hin-Kirche. Maile ist 53 Jahre alt und kommt ursprünglich selbst aus dem Handwerk. Regelmäßig besucht er die verschiedenen Baustellen, sucht Kontakt zu den Arbeitern. Nach Hohenstadt kommt er mindestens alle drei Wochen.

„Wenn sie nicht wär, würd was fehlen.“ – Magaziner Volker über die heilige Barbara

Volker aus Jena, der das Lager für die Baustelle verwaltet, ist seit fünfeinhalb Jahren im Tunnelbau, ein Betriebsseelsorger begegnet ihm auf dieser Baustelle das erste Mal. “Es ist schon in Ordnung, dass er da ist,” meint der Arbeiter. Peter Maile kommt auch nicht als Moralapostel oder belehrender Theologe auf die Baustelle. Er kennt die Bauarbeiter fast alle beim Namen, duzt alle, das ist auf der Baustelle üblich. Er weiß um ihre familiäre Situation und hat für jeden ein offenes Ohr. Seine Arbeit nennt er “bedarfsorientierte Seelsorge, ohne frommes Gesockse.” Bei einer Grillfeier haben ihm die Mineure den Spitznamen “Engel 07” verpasst. Eine Anlehnung an das gleichnamige Lied. “Engel 07” kümmert sich um ganz irdische Probleme: Ohrstöpsel und bessere Toiletten stehen genauso auf seiner Agenda wie Beziehungsprobleme.

Und auch wenn Volker, der Magaziner, nicht gläubig ist, die heilige Barbara spielt für ihn eine besondere Rolle. “Wenn sie nicht wär, würd was fehlen,” sagt er über die Tunnelheilige. Die Mineure, die nach ihrer Schicht im dunklen Tunnel um sieben Uhr abends vor ihrem Container grillen, sind, was Barbara betrifft, geteilter Meinung. “Die hat mit uns nichts zu tun”, sagt einer. Sein Kollege wirft ein Stück Fleisch auf den Grill und ergänzt: “Heute zählen nur noch Tunnelmeter und Profit.” Ein junger Kollege runzelt die Stirn und sagt, dass der Job gefährlicher sei, als die Leute zu Hause denken, da ist ein Halt nicht schlecht. “Am Anfang, wenn man reinfährt, denkt man schon an Barbara.” Maile nickt. Auch der gefährliche Job ist ein Thema für ihn.

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Prof. Manfred Becker-Huberti, katholischer Theologe, Jahrgang 1945
Becker- Huberti forscht vor allem zu Heiligen und der Heiligenverehrung
Seit 2007 ist er Honorarprofessor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Hochschule Vallendar

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Peter Maile wünscht einen guten Appetit und verabschiedet sich von den grillenden Männern. Er geht weiter. Im Container der Bauleitung sitzen Franz Embacher und Christoph Sturm in der Küche. Es riecht nach frischem Kaffee. Wie viele ihrer Kollegen kommen die beiden aus Österreich. Embacher arbeitet in der Schichtbauleitung, Sturm ist Techniker in der Bauleitung. Beide wohnen nicht in Containern, sie haben Zimmer in Hohenstadt. Maile setzt sich zu den beiden, trinkt einen Kaffee mit. Maile hört den beiden Männern zu, es wirkt wie ein Gespräch unter Freunden.

Franz Embacher ist 59 Jahre alt und arbeitet seit 42 Jahren im Tunnelbau. Das Leben auf der Baustelle gestalte sich nicht immer einfach. Die Familie ist weit weg, man sieht sich nur alle neun Tage für fünf Tage. Er lebt in zweiter Ehe. Die Beziehung mit einem Tunnelbauer: alles andere als leicht. Freundschaften  zu pflegen und Engangement in Verein oder  Gemeinde – für Embacher nicht möglich. Peter Maile versteht das, fragt, was Franz Embacher hier in der wenigen Freizeit mache. Der grinst, die vollen, grauen Haare stehen ihm wirr zur Seite, sein österreichischer Dialekt schafft eine vertraute Atmosphäre. “Ich bin mit dem Stammtisch in der ‘Sonne’ verbandelt.”

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Christoph Sturm und Franz Embacher

Embacher kann auch ernster: “Die alten Traditionen – wie die Barbara – sind nicht mehr in”, er zuckt mit den Schultern. Trotzdem, er habe einen besonderen Bezug zu ihr, “weil ich schon so viel Glück hatte.” Mehrmals sei er dem Tod nur knapp entgangen. 1983 zum Beispiel fiel ihm auf der Baustelle eines Kraftwerks im Zillergrund (Zillertal, Österreich) ein Stein aus knapp 200 Metern Höhe aus einem Transportkübel auf den Fuß. Wäre er wenige Zentimeter weiter vorn gestanden, hätte der Stein seinen Kopf getroffen. Ist Embacher gläubig? “Ich bin so erzogen worden.” Ab und an gehe er nach Hohenstadt in die Messe. Er glaubt fest daran, dass sein Glück kein Zufall sein kann.

Christoph Sturm stellt die neue Generation im Tunnelbau dar. Er ist gerade einmal 28 Jahre alt und arbeitet seit zwei Jahren hier. Sturm bezeichnet sich als nicht sehr gläubig und sieht ebenfalls einen Rückgang von Traditionen, es gehe immer mehr ums Geld heutzutage, aber auf Barbara lässt er nichts kommen: “Die Barbara ist einfach die Barbara und die passt auf uns auf.”

Die Freundin von Sturm ist “schwer begeistert” von seinem Job, wie der junge Mann mit ironischem Unterton sagt. “Entweder sie lernen damit zu leben, oder es geht aus,” sagt er über die Frauen der Tunnelarbeiter und presst seine Lippen zusammen. Er wollte schon immer auf so einer Baustelle arbeiten und hat schon während des Studiums entsprechende Praktika gemacht. Jetzt sitzt er hier in Hohenstadt. Es gibt sicher attraktivere Orte für junge Menschen. Sturm scheint sich aber wohl zu fühlen, wenn er etwas Abwechslung braucht, fährt er mit Kollegen abends nach Ulm.

Heilige Barbara, Gedenktag 4. Dezember. Sie lebte in Nikomedien (östlich vom heutigen Istanbul). Die Legende um sie stammt aus dem 16. Jahrhundert. Ihr Vater war ein reicher Kaufmann, der seiner Tochter alle Wünsche erfüllte, damit sie nicht Christin wurde oder jemanden heiratete, der ihm nicht passte. Barbara heiratete nicht den Mann, den ihr Vater ihr vorschlug und ließ sich christlich taufen. Sie flüchtete vor seinem Zorn und versteckte sich zwischen den Felsen. Ein Hirte verriet ihrem Vater das Versteck und dieser holte sie nach Hause und misshandelte sie so sehr, dass nur noch rohes Fleisch zu sehen war. Die Menschen glaubten nicht, dass sie die Nacht überstehen würde. Aber es kam ein Engel und heilte sie. Er versprach ihr, ihr beizustehen. Barbara blieb trotz aller weiteren Misshandlungen standhaft und wurde zum Tode verurteilt. Ihr Vater wollte selbst ihr Scharfrichter sein. Sie schwor am Tag ihres Todes auf ihren Glauben. Ihr Vater soll auf dem Heimweg ihrer Hinrichtung vom Blitz erschlagen worden sein. Bergleute nahmen sie zur Schutzheiligen, weil der Berg sich auf ihrer Flucht öffnete und sie verbarg. Barbara soll dafür sorgen, dass gefährliche Arbeiten unter Tage nicht tödlich enden. Sie zählt zu den 14 Nothelfern. Eine Barbarastatue steht meist am Eingang eines Stollens.

Embacher verabschiedet sich. Er geht in die ‘Sonne’ nach Hohenstadt auf ein Bier. Auch Sturm geht in den Feierabend. In einem Büro des Containers sitzt Hans Greisdorfer vor einem Bildschirm. Auch ihm ist “Engel 07” gut bekannt. Er soll Maile in den Tunnel fahren. Dem Seelsorger ist es wichtig, auch den Jungs von der Nachtschicht zu begegnen.  “Bis in die Puppen” bleibe er an so einem Abend. Vor der Tunneleinfahrt ist ein weißes Schild zu sehen. “Glück auf” prangt da in großen, schwarzen Lettern. Zwischen den beiden Tunnelröhren steht in einem kleinen Schrein eine Barbarafigur. In einem weißen Baustellenbus sitzen Maile und Hans Greisdorfer, vor der Einfahrt geht der Blick unwillkürlich nach rechts zur Barbara.

Im Tunnel ist es dunkel, die Luft ist feucht. Zwei Kilometer fahren die Männer in den Berg. Maile ist erstaunt über den Fortschritt seit seinem letzten Besuch. Die Männer im Tunnel grüßen ihn, sie unterbrechen ihre Arbeit für ein paar Augenblicke. Ein Arbeiter bereitet die nächste Sprengung vor. 80 bis 85 Kilo Sprengstoff sollen sie ein Stück weiter in den Berg bringen. Maile kann in der Zwischenzeit all die Fachbegriffe wie Ortsbrust und Kalotte aus dem Effeff. Nächstes Jahr will “Engel 07” ein Praktikum im Tunnel machen. Seelsorger für die Bauarbeiter will er bis zum Ende der Bauzeit bleiben.

Text und Audio: Miriam Kammerer, Anne Meßmer
Fotos: Miriam Kammerer, Anne Meßmer, Chrisitan Proß

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