Der Ort, der mal einen Bahnhof hatte

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Nach Merklingen kommt man nur auf der Durchreise.

Fährt man von der A8 in die 1974-Einwohner-Gemeinde, zeigt sich ein Ort, der irgendwie dazwischen liegt: zwischen Autobahn und Feldern, zwischen ausgestorbenem Dorf und belebtem Industriegebiet, zwischen konventioneller Denkweise und moderner Zukunftsorientierung.

Gerade einmal 25 Jahre ist es her, da wurde in Merklingen ein Bahnhof ausgebrannt und abgerissen, wurden Schienen abgebaut und für immer aus dem Ort getragen. Heute erinnert lediglich ein Fahrradweg auf der ehemaligen Bahntrasse an die alten Zeiten.

Doch jetzt, wo die Bagger vor den Toren des Dorfes das Fundament für die Neubaustrecke zwischen Ulm und Stuttgart ausheben, möchte Merklingen an alte Zeiten anknüpfen. Ein neuer Bahnhof am Prestige-Projekt der Bahn soll die Probleme der Region lösen und das Land an die Stadt anbinden. Seit eine Potenzialanalyse ergeben hat, dass das wirtschaftlich machbar und rentabel sei, steht Merklingen im Zentrum der politischen Debatte.

Merklingen, ein Ort, in dem sich die Geschichte wiederholt. Schon einmal wurde hier diskutiert, ob ein Bahnhof gebaut werden sollte, schon einmal stritten sich die Parteien ums Geld, schon einmal verloren Bauern ihr Land für den Bau einer Bahntrasse.

Das Porträt einer Stadt, die mal einen Bahnhof hatte und nun einen Bahnhof haben möchte.

Der Bahnhofswoller

Sven Kneipp ist ein fröhlicher Mann. Der Merklinger Bürgermeister erzählt gerne, dass die Tür zu seinem hellen Büro im zweiten Stock des grauen Merklinger Rathauses für jeden offen steht, dass er mit den Menschen reden und sie ermutigen möchte, sich in die Kommunalpolitik einzubringen. “Einmal sind Kinder in mein Büro gekommen, um mir zu erzählen, dass der Spielplatz eine Wippe braucht”, erzählt er dann. “Das ist doch toll. Das muss man ernstnehmen und fördern.”

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Auf seinem Schreibtisch hat Sven Kneipp mehrere Pläne über das Bahnprojekt ausgebreitet

Ja, man kauft Sven Kneipp ab, dass er sein Dorf an der A8 gerne verwaltet. Der demographische Wandel auf dem Land, der Fachkräftemangel in einer abgelegenen Region, die Nachwuchsprobleme der Vereine – es sind Probleme, deren er sich gerne annimmt. Als im Sommer diesen Jahres dann die große Politik an seiner Tür klopfte, hat er sie selbstredend geöffnet.

Kneipp steht seit Monaten im Zentrum einer Debatte, die weit über die Grenzen Merklingens hinausgeht. Die Gemeinden der Laichinger Alb möchten, dass an der Neubaustrecke zwischen Ulm und Stuttgart ein weiterer Halt in Merklingen gebaut wird. Ein Bahnhof für Inter-Regio-Züge mit einer Geschwindigkeit von maximal 200 Kilometern in der Stunde schwebt Kneipp vor. 35 Kilometer hinter Ulm soll die Schnellbahntrasse so zu einer Anbindung der Laichinger Alb an den Rest der Welt werden.

Klingt nach einer Schnapsidee – doch seit im Juli 2014 eine von den Gemeinden in Auftrag gegebene Potenzialanalyse ergab, dass der Bahnhof volkswirtschaftlich möglich und rentabel sei, sind das Landesverkehrsministerium, die Kreisverwaltung und der Landtag in Aufruhr. Denn warum sollte ausgerechnet eine Gemeinde mit 1974 Einwohnern einen Halt am Jahrhundertprojekt der Bahn bekommen?

„Warum eigentlich nicht?“ , sagt der Merklinger Bürgermeister.

Kneipp hat sich an den großen Konferenztisch seines Büros gesetzt und mehrere Pläne ausgebreitet. Einer davon zeigt das Schienennetz im Alb-Donau-Kreis. Wie eine Krake greift Ulm als zentrale Stadt auf dem Schema mit langen Schienen-Armen nach den Orte im Kreis. Geislingen hat einen Arm, Illertissen, Ehingen, sogar Münsingen – nur die Laichinger Alb hat Kneipp mit einem grünen Textmarker umkringelt und ein Fragezeichen daneben gemalt.

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Das Schienennetz im Alb-Donau-Kreis

„Merklingen und die Laichinger Alb sind die einzigen, die nicht vom Netz profitieren“, sagt er. Sei früher schon so gewesen und jetzt drohe es so weiterzugehen. „Für die Neubaustrecke dürfen wir die Lasten tragen ohne an den Vorteilen beteiligt zu werden.“

Durch die breiten Balkon-Türen scheint zum ersten Mal seit langer Zeit die Sonne, an der Bushaltestelle auf dem Platz vor dem Rathausklotz im Herzen des Dorfes warten drei Dorfbewohner auf den Bus. Mehr als zwei Stunden werden sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Stuttgart brauchen. Der Region bringt das mehr Nach- als Vorteile. Pendeln wird zur Qual, Studenten müssen aus Merklingen wegziehen, Fachkräfte lassen sich nur schwer aus der Großstadt in das Dorf locken.

Die Aussicht, die Fahrzeit auf 34 Minuten zu verkürzen, hat die Gemeinden auf der Laichinger Alb zusammengeschweißt, denn: “Das wäre ein Quantensprung für die Region”, sagt Kneipp.  Merklingen, Nellingen, Laichingen, Heroldstadt, Berghülen – sie alle haben sich verbündet, um die Bahn zum Anhalten zu bewegen. Die Studie haben sie in Auftrag gegeben, die Kontakte zu den Landtagsabgeordneten, zum Kreistag, zu Interessensverbänden haben sie gemeinsam geknüpft. „Man arbeitet gerade sehr gut miteinander“, sagt Kneipp. Die Abgeordneten Martin Rivoir, Karl Traub und Jürgen Filius stehen inzwischen offen hinter dem Projekt.

“Im Dorf selbst ist die Stimmung so vielfältig wie die Köpfe in Merklingen”, sagt Kneipp. Sie sehen schließlich auch die Nachteile des Plans. Die örtlichen Bauern müssten noch mehr Land abtreten, die Bauarbeiten vor der eigenen Haustür würden sich ausdehnen und die Finanzierung ist noch nicht geklärt.

26,6 Millionen Euro soll der neue Halt kosten, noch einmal 45 Millionen kämen für die Regionalzüge hinzu, die auf der Strecke zum Einsatz kämen. 71,6 Millionen Euro, die die Kommunen nicht tragen können und das Land bislang noch nicht beabsichtigt zu tragen. Auch das hat die Studie ergeben.

Ja, Kneipp macht seinen Job als Bürgermeister Merklingens gerne. Der Bahnhof wäre für ihn eine “langfristige Investition in die Zukunft”. Doch genau das hat einer seiner Vorgänger schon vor mehr als 100 Jahren gesagt.

Die Bahnhofsfrage (1897)

Auf einer gehäkelten Decke liegen vergilbte Dokumente und handgeschriebene, in blaues Papier gebundene Hefte. Jakob Salzmann setzt sich an den alten Holztisch und blättert vorsichtig in den Unterlagen. Der Rentner wurde in Merklingen geboren. Vor einigen Jahren hat er eine Interessensgemeinschaft im Dorf gegründet, die sich mit den Brauchtümern der Gegend beschäftigt.

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1900 wurden die Baupläne für den Bahnhof festgehalten

Salzmann breitet vorsichtig eine Karte der Schwäbischen Alb vor sich aus. Darauf eingezeichnet ist die alte Bahntrasse von Amstetten nach Laichingen – über Oppingen, Nellingen und auch Merklingen. Das Dorf hatte schon einmal einen Bahnhof, genauer gesagt hatte Merklingen einen Hauptbahnhof und einen zweiten, kleinen Halt im Osten der Gemeinde. „Die Bahn war ein Segen für die Alb“, sagt Salzmann.

Mit der Dampflok wurden Lebensmittel und Baustoffe transportiert. „Bevor ein Zug hier lang fuhr, musste man alles mit Pferden machen.“ Die Reichsregierung befürwortete 1897 die Idee, in der Schwäbischen Alb eine Bahnlinie zu bauen – allerdings nur unter Leitung eines Privatunternehmens, der Württembergischen Eisenbahngesellschaft.

Einzige Streitfrage: Wer bezahlt den Bau? 5000 Mark kostete die Planung. Merklingen, damals ein Dorf mit 965 Einwohnern, musste 114 Mark tragen. Gegner der Bahn waren die Landbesitzer, denen für den Bau der Trasse ein Teil ihres Grundstückes weggenommen wurde. „Die waren natürlich nicht von den Plänen begeistert.“, fragt Salzmann.

Drei Jahre vergingen von der Planung bis zur ersten Fahrt im Juni 1901. „Es wurde unheimlich schnell gebaut“, sagt Salzmann. Hunderte Arbeiter aus Italien und Kroatien haben es möglich gemacht. Das Besondere an der Trasse war deren Steigung. Auf einen Meter gerechnet, schnaufte sich die Lok 29 Zentimeter in die Höhe – die steilste Schmalspurbahn Deutschlands.

Einziges Problem: Auf den schmalen Schienen fuhren nur Waggons mit breiterem Radabstand. Weil das natürlich nicht geht, wurden die Waggons jeden Tag auf sogenannte Rollböcke geschoben. Nicht ganz ungefährlich. Oftmals fielen die Wagen einfach um.

Mit der Bahn kam der ersehnte wirtschaftliche Aufschwung für die Region. Aus einer dunklen, roten Ledermappe holt Georg Baumann, ein Freund von Jakob Salzmann, ein Fotobuch heraus. Er zeigt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme einer Dampflok neben der drei Männer stehen. Einer von ihnen hält einen Holzstamm fest. „Das ist mein Vater. Da hat er gerade Holz auf die Bahn aufgeladen.“

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Das Foto zeigt den Vater Georg Baumann, während er Holz verlädt

Mit Hilfe der Bahnlinie konnte Baumann Senior sein Holz nach Italien, Frankreich und Holland liefern. Den Holzhandel der Familie Baumann gibt es heute noch immer. Allerdings werden die Stämme nun nicht mehr mit der Bahn transportiert, sondern über die Autobahn.

Ende 1984 strich die Regierung die finanziellen Hilfen der Schmalspurbahn – Gas und Öl blieben für den Betrieb aus. „Man hat behauptet, die Bahn sei nicht mehr kostendeckend“, sagt Baumann. Die Gemeinden wollten nicht für die Trasse zahlen. „Das war eine kommunalpolitische Fehlentscheidung.“ – „Aber was will man denn heute noch mit einer Schmalspurbahn anfangen?“, fragt ihn Baumann.


Der Abriss der Strecke ging ebenso schnell wie der Aufbau. „Die Schienen wurden einfach verschrottet“, sagt Salzmann. Die Eisenbahn-Waggons wurden 1986 ausgeräuchert, der Bahnhof in Merklingen verbrannt.

Dort, wo einst der Merklinger Bahnhof stand, steht heute ein Haus mit weißer Fassade, braunem Gartenzaun und zwei Balkonen. 1994, fünf Jahre nachdem der alte Holzbahnhof endgültig abgerissen wurde, haben Andrea und Roland Wörtz die Schlangengruben, Toiletten und Fahrräder entsorgt, die noch im Grund schlummerten, und sich hier ihr Zuhause gebaut. Über die Jahre verblassten die Erinnerungen an das alte Gebäude. Bis das Dorf wieder anfing über einen Bahnhof zu diskutieren.

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An dieser Stelle stand einst der Merklinger Bahnhof

“Das sind ganz interessante Bilder, wir waren selbst überrascht.” Andrea Wörtz hat einen alten Bildband ausgegraben, den ihr Mann mal zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Auf den Fotografien entdeckt sie die Häuser ihrer Nachbarn, zeigt mal auf ein Wohnhaus, dann auf die freie Fläche neben den Gleisen, die hier war.

Dazwischen, an der Stelle, wo heute ihr Haus steht, sieht man einen breiten, flachen Bau, an dessen Vorderseite in Großbuchstaben MERKLINGEN geschrieben steht. “Wir haben immer gesagt, das ist ein schöner Bahnhof, den müsste man eigentlich herrichten.

Mein Gott, da war ich 16 und er 18, das hätte man damals ja noch gar nicht wissen können, dass wir dann irgendwann mal unser eigenes Haus hier hinstellen”, sagt sie und verharrt versonnen auf den Seiten.

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Erinnerungen an die Schmalspurbahn erwachen

Wie so oft kam das Bewusstsein für den Wert des Bahnhofgebäudes, als schon alles vorbei war. Die Dorfbewohner haben die Lücke, die der Abriss vor einem Vierteljahrhundert hinterlassen hat, schnell wieder geschlossen.

Die Grundstücke wurden verkauft und bebaut, die Bahntrasse zu einem Fahrradweg umgewandelt, der sich nun von einem Ende Merklingens zum anderen zieht. Wenige Jahre nachdem der letzte Zug durch den Ort rollte, waren fast alle Spuren, die der Bahnhof im Ortsbild hinterlassen hatte, ausradiert.

Hier, im Bahnhofsviertel ohne Bahnhof, reiht sich kurz vorm Ortsausgang ein sauberer Vorgarten an den anderen. Hinter den Doppelhaushälften erstrecken sich die Felder der örtlichen Bauern. Spricht man vom Bahnhof, ist es so, als würde man die Menschen an etwas erinnern, an das sie lange nicht mehr gedacht haben.

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Das Bahnhofsviertel ohne Bahnhof

Viele erinnern sich an ihren Schulweg, an die 20-minütige Fahrt nach Laichingen, wo dann nochmal ein zwei Kilometer langer Fußmarsch zur Schule auf sie wartete. Sie erinnern sich an die vielen Unfälle, die es mit der Schmalspurbahn gab. Und sie erinnern sich an den “alten Bretterbahnhof”, der in den drei Jahren zwischen Stilllegung und Abriss zur Ruine verkommen ist. Doch Zeiten ändern sich – mit dem neuen Bahnhof bringen sie diese Erinnerungen nicht in Verbindung.

,,Wenn sie sich in der Stadt umhören, werden sie nur Leute finden, die für einen Bahnhalt sind“ , sagt Andrea Wörtz.

Die Anbindung an Ulm und Stuttgart würde den Anwohnern die Autbahn ersparen, würde ihnen das Pendeln erleichtern und Merklingen an die Großstädte heranrücken. Mit der Schmalspurbahn sei das natürlich nicht zu vergleichen.

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Letzte Spuren der Bahn in Merklingen verwachsen

Als Peter Melasch vor 25 Jahren den Abriss des alten Bahnhofes von seinem Vorgarten aus beobachtete, hat es ihn am meisten geärgert, dass erst kurz zuvor noch 10.000 Mark in den Bahnhalt investiert wurden. Dass Merklingen deshalb heute an kein Netz mehr angebunden ist – geschenkt. “Was wollen Sie heute noch mit einer Schmalspurbahn?”, sagt er.

Den neuen Bahnhof an der Neubaustrecke hingegen, befürwortet Melasch. “Die Menschen arbeiten immer häufiger außerhalb. Da muss man flexibel sein”, sagt er. “Die Autobahn ist immer voll, mit dem Zug hätte man es deutlich leichter.”

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Andrea Wörtz blickt versonnen von ihrem Balkon

Andrea Wörtz schlägt den Bildband zu, denkt laut über den neuen Bahnhalt nach. Praktisch wäre er, man könnte sehr viel schneller nach Ulm und Stuttgart, zum Flughafen, zum Arbeiten, zum Einkaufen in die Stadt. Bald wird sich entscheiden, ob der Wunsch der Gemeinde in Erfüllung geht. Dann würde ein Kampf enden und ein neuer beginnen. “Ich weiß ja nicht, wo der Bahnhof hin soll. Mein Haus bleibt stehen”, sagt Wörtz.

Text, Fotos und Video:
Dorothea Nitzsche und Thomas Block

Der Traum vom verlorenen Schatz

Mit der Machete in der Hand, mitten im Dschungel, auf der Suche nach einem seit Jahrhunderten verschollen geglaubten Schatz – dieses Bild haben Spielfilme vom Beruf des Archäologen geprägt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Um zu retten, was sonst vom Zug überrollt würde, birgt ein Team von Archäologen seit vier Jahren historische Funde entlang der neuen ICE-Trasse zwischen Ulm und Wendlingen.

Die Grabungen hier sind im Grunde Rettungsarbeiten

Xenia Tselepi sitzt auf einer Baustelle in der Nähe von Merklingen und macht sich Notizen. Mit hellen Kalksteinsplittern gesprenkelte Erdhügel ragen hinter ihr auf. Vor ihr hebt ein gelber Bagger ein Loch aus. „Rettungsarbeiten“, sagt Tselepi. Der Boden ist trocken. Wie ein Netz aus vielfach verzweigten Adern ziehen sich Risse durch den lehmigen Untergrund. Nur wenige Meter entfernt rauscht die Autobahn in Richtung Ulm. Es sieht so aus, als wären die Bauarbeiten für die neue ICE-Trasse und den Ausbau der A8 schon in Merklingen angekommen. Wäre da nicht Tselepi. Immer wieder blickt sie auf und sieht dem Bagger bei der Arbeit zu. Dann schreibt sie wieder. Sie wirkt wie eine Künstlerin auf der Suche nach Inspiration.

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Xenia Tselepi ist Archäologin und Grabungstechnikerin.

Tatsächlich ist die 36-Jährige als Archäologin beim Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart beschäftigt. Ihre Aufgabe: Mit einem Team von Wissenschaftlern soll sie Siedlungsspuren vergangener Kulturen auf der Schwäbischen Alb untersuchen. Die Archäologen graben nur dort, wo in Zukunft Bus und Bahn  entlangbrausen. Bis Ende des Jahres haben die Wissenschaftler noch Zeit, Funde zu sichern. Was bis dahin nicht geborgen wird, ist für immer verloren. Als Grabungstechnikerin leitet Tselepi die Arbeiten vor Ort. Sie notiert, was ihr Team mit Bagger und Schaufel zu Tage bringt, schießt Fotos von den Fundstücken und vermisst das Gelände.



Das Bild, das viele Menschen von Archäologen haben, sieht anders aus. Spätestens seit dem Erfolg der Indiana Jones Filme in den 80er und 90er Jahren sehen viele in den Wissenschaftlern Abenteurer auf Schatzjagd, die sich auf die Suche nach dem heiligen Gral begeben oder vergoldete Statuen in von Vogelspinnen belebten Tempeln entdecken. Die Wirklichkeit ist weniger spektakulär. Vielleicht fällt es deshalb so schwer, die Baustelle um Tselepi herum als das zu erkennen, was sie ist: eine archäologische Ausgrabung. Sorgfältig schiebt sich die Baggerschaufel über den lehmigen Boden, hebt Schicht für Schicht ab. Ein Grabungshelfer ist zur Stelle, um die Funde aufzusammeln. Er trägt einen gelben Helm, eine ockerfarbene Arbeitshose und verstaubte Wanderschuhe. Wer auf einer Grabung arbeitet, darf nicht zimperlich sein. Es ist ein rauer Job.

2010 haben die Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart mit den Arbeiten begonnen. Es sind keine Sensationsfunde, die das Team auf der 25 Kilometer langen Strecke zwischen Hohenstadt und Ulm zu Tage befördert hat. Doch die Masse der Entdeckungen ist bemerkenswert: Mehrere tausend Fundstücke haben die Wissenschaftler in den vergangenen vier Jahren entdeckt. „Bevor wir mit den Grabungen begonnen haben, wusste man im Grunde wenig über die Schwäbische Alb“, sagt Jonathan Scheschkewitz, Leiter des Großprojekts. Besonders überrascht hat den 41-Jährigen, dass die karge Landschaft kontinuierlich besiedelt wurde. „Von der Jungsteinzeit bis ins Spätmittelalter lebten durchgängig Menschen auf der Schwäbischen Alb“, betont der Archäologe.

Damals wie heute hat man sich den einfachsten Weg über die Alb gesucht

Zu den spektakulärsten Funden zählt die Entdeckung einer germanischen Siedlung in der Nähe von Nellingen. „Wir sind dort auf den Grundriss von vier dreischiffigen Wohnstallhäusern gestoßen“, erzählt Jan König, Leiter des Grabungsbüros in Hohenstadt. Das Besondere an dem Fund: Hausgrundrisse dieses Typs wurden bislang fast nur in Norddeutschland entdeckt. Nur wenige Meter südlich davon gruben die Wissenschaftler zudem mehr als 6000 römische Schuhnägel aus der Erde. „Das zeigt uns, dass dort einmal eine Straße entlanggeführt haben muss, die von vielen römischen Füßen begangen wurde“, sagt König. Der 38-Jährige vermutet, dass der Weg von der keltischen Zeit bis ins Frühmittelalter genutzt wurde. In unmittelbarer Nähe verläuft die A8. „Damals wie heute hat man sich eben den einfachsten Weg über die Alb gesucht“, sagt der Archäologe.

An diesem Tag stecken nur die Splitter früherer Keramikgefäße in der Erde. Sie helfen den Archäologen einzuschätzen, welche Kultur den Ort einst geprägt hat. Ein großer Schatz sind sie aber nicht. „Es wäre schon toll, einmal bei der Bergung eines Fürstengrabs in der Mongolei dabei zu sein. Die sind oft mit Gold gespickt“, sagt Xenia Tselepi. Die Grabungstechnikerin hat nichts von Indiana Jones – von der großen Schatzsuche träumt sie dennoch.

Fotos: Anna Berger, Olga Possewnin
Video: Lisa-Maria Müller
Text: Anna Berger

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