Schichtbeginn mit frischen Semmeln

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Schichtbeginn mit frischen Semmeln

Der Nebel schleppt sich über die Felder. Es ist halb fünf Uhr morgens auf der Schwäbischen Alb. Für Bäcker Niko Kalik in Gosbach ist um diese Zeit der halbe Tag schon vorbei. Mit einem langen Brotschieber holt er fertig gebackene Brezeln aus dem Ofen. Es duftet nach frischem Brot.

Seine Mitarbeiterin Alexandra Hof lädt körbeweise Semmeln, Croissants und Brezeln in einen Verkaufswagen. Sie fährt zur Tunnelbaustelle bei Hohenstadt, um Mineure und Ingenieure mit Gebäck, Kaffee und vor allem Cola zu versorgen. Häufig gekauft und wahrscheinlich bitter nötig, um die Zwölf-Stunden-Schichten am Steinbühltunnel durchzuhalten.

Die Bäckerei Kalik gibt es seit sieben Jahren. Zuerst betrieb die Familie ihren Laden im Ortskern von Gosbach (Kreis Göppingen). „Aber unser Ziel war schon immer an der Bundesstraße 466 das Geschäft aufzumachen“, sagt Kalik. Der viele Verkehr bringt viele Kunden. Niko Kalik und seine Frau leben für den Betrieb. Während sie die Buchhaltung erledigt, backt der 33-Jährige mit einer Handvoll Mitarbeitern jede Nacht durch.


Eigens für die Baustelle hat der Bäcker einen Verkaufswagen angeschafft. „Ein paar österreichische Baufirmen sind auf mich zugekommen und haben gefragt, ob ich sie beliefern möchte.“ Gesagt. Getan. Seit einem Jahr müssen die Arbeiter nicht mehr ohne frische Brötchen auskommen.

Von fünf Uhr bis halb acht stellt sich Alexandra Hof mit dem Verkaufswagen neben die Wohncontainer. Jeden Tag, außer sonntags. „Das hat sich nicht so rentiert, deshalb kommen wir am Sonntag nicht mehr“, sagt die 21-Jährige.

Ihre Handgriffe sitzen: Brötchen in der Auslage drapieren, Kaffeebecher bereitstellen. Dann heißt es warten. Aus der Ferne hört man den Verkehr der Autobahn 8 herüber rauschen. Ein Radio hat Alexandra Hof nicht. Auch keine Zeitung. „Die wird so früh noch nicht ausgetragen.“ Der Fachverkäuferin macht es nichts aus, jeden Tag so früh aufstehen zu müssen. Im Gegenteil. „Mir macht das Verkaufen am meisten Spaß.“

Gegen halb sechs kommen die ersten Bauleute aus ihren Containern geschlurft. In etwa 30 Minuten ist Schichtwechsel. „Einen Kaffee ohne Deckel, bitte“, bestellt einer der Bauarbeiter mit Zigarette im Mund. Mehr sagt er nicht. Für mehr Worte ist es zu früh. Seine Augen sind klein und leicht rot unterlaufen. „Einen Euro, bitte“, sagt Alexandra Hof. Damit endet das Gespräch.

Kurz vor sechs Uhr ist mehr los. Die meisten Kunden tragen T-Shirt und Arbeitshose. Einige fahren in Autos vor, halten kurz beim Bäcker und fahren schnell weiter. Verkaufsrenner sind an diesem Morgen einfache Semmeln und Cola. Auch die Sonne hat sich allmählich entschieden aufzustehen. Ein schöner, warmer Sommertag bricht heran. Den Arbeitern kann das aber egal sein. Im Tunnel bekommen sie davon nichts mit.

Mit müder, knarrender Stimme bestellt Walter Niederseen Semmeln. Der Elektriker ist froh, dass der Bäcker jeden Morgen zur Baustelle kommt.

„Wenn der Bäcker nicht wäre, müsstest du dich außerhalb versorgen. Da müsstest du jeden Tag mit dem Auto fahren.“

Er schätzt, noch zwei bis drei Jahre auf der Baustelle zu sein. In der Regel arbeiten die Männer neun Tage durch und haben anschließend fünf Tage frei.

Etwa 100 Mineure treiben den Albaufstieg voran. Dazu kommen 50 Ingenieure und Planer. Nach Informationen der Deutschen Bahn arbeiten insgesamt zwischen 350 und 400 Menschen auf den Tunnelbaustellen der Neubaustrecke. Arbeitsplätze, die es ohne das Bahnprojekt nie gegeben hätte. Die Kennzeichen an den Autos der Mineure verweisen nach Österreich, Polen oder Ostdeutschland.

Stellt sich die Frage: Profitiert auch die Wirtschaft Baden-Württembergs von dem Projekt? „Ja“, sagt Werner Rothengatter, emeritierter Professor des Instituts für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsförderung der Universität Karlsruhe. Der 71-Jährige war 2009 an einer Studie über die Wirtschaftlichkeit von Stuttgart 21 und der Neubaustrecke beteiligt.

• Jahrgang 1943
• bis 31.03.2009: Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung, Universität Karlsruhe
• Forschungsgebiete: Verkehr und Umwelt, Nutzen-Kosten-Untersuchungen, Verkehrsmodellierung, Simulation der Interaktion Wirtschaft und Verkehr, Kooperative Logistik

Das Ergebnis aus heutiger Sicht: „Auch fünf Jahre nach der Studie bleibe ich bei unseren Erkenntnissen: Das Bahnprojekt ist wirtschaftlich.“ Zwar haben sich die geschätzten Kosten für den Bau von Stuttgart 21 und der Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm auf etwa zehn Milliarden Euro verdoppelt, aber die positiven Effekte blieben dieselben: Die Region profitiere von der Neubaustrecke.

Ist die Schnellbahntrasse einmal fertiggestellt, können nicht nur Pendler zügiger von Ulm nach Stuttgart kommen. Die kürzere Fahrzeit beeinflusst auch die Produktivität regionaler Firmen – Rohstoffe sind schneller vor Ort und die fertige Ware ist schneller beim Käufer. Laut Studie soll es auch mehr Beschäftigte im Land geben. „Wir rechnen mit etwa 8000 bis 9500 Vollerwerbstätigen mehr in Baden-Württemberg“, sagt Rothengatter.

Zu beachten ist allerdings, dass Städte und Gemeinden, die keinen Haltepunkt an der Schnellbahnstrecke haben, gut an das Verkehrsnetz angebunden sein müssen. „Dann können auch regionale Firmen auf dem Land mit einem wirtschaftlichen Zuwachs rechnen“, schätzt Rothengatter.

Bäckermeister Kalik profitiert vor allem von der Bauphase des Projekts.

„Ich kann zwar noch nicht in Rente gehen, aber ein bisschen was verdiene ich dadurch schon.“

Vor allem, weil es in Hohenstadt keinen Bäcker gibt. Die Konkurrenz hält sich in Grenzen.

Hauptsächlich sind am Steinbühltunnel Männer beschäftigt. Keiner von ihnen hält sich lange am Verkaufswagen auf. „Normalerweise ist mehr los“, sagt Alexandra Hof. Dann würden sich die Bauleute auch ein wenig mit ihr unterhalten. Man kennt sich, tauscht sich ein bisschen aus. Ob sich die Verkäuferin auch ein paar anzügliche Sprüche anhören muss? „Nein. Da gibt es nur einen, der mal einen Spruch loslässt, aber der kommt selten. Alle anderen sind sehr nett.“

Kurz vor sechs Uhr sind die Semmeln ausverkauft. Der Brotkorb ist leer. „Sonst gehen die nicht so gut weg“, sagt Alexandra Hof. Prompt kommt auch schon die erste kleine Beschwerde. „Du hast ja fast gar nichts mehr da“, moniert einer der Arbeiter. Dabei gibt es noch belegte Brötchen, Nussschnecken, Amerikaner, Pizzabrote, Laugenbrötchen und und und. Herzhafte Dinge scheinen die Männer zu bevorzugen. Süßes kaufen sie kaum.

Gegen halb sieben parkt Alexandra Hof um. Etwa 50 Meter weiter stellt sie den Wagen vor den Büros der Bauleiter ab. „Die wollen nicht so weit laufen.“ Bis auf ein paar Arbeiter kommt aber an diesem Tag niemand mehr vorbei.

Um halb acht fährt die Verkäuferin wieder zur Bäckerei zurück. „Ich muss jetzt noch den Wagen ausräumen, sauber machen und dann noch ein paar Stunden im Laden helfen.“ Das übrig gebliebene Gebäck wird im Laden der Bäckerei zum Verkauf angeboten.

Noch sechs Jahre sollen die Tunnelarbeiten dauern. So lange kann Niko Kalik fest mit einem guten Geschäft auf der Baustelle rechnen. Danach hofft der Bäckermeister auf den weiteren Ausbau der Autobahn8. Eine neue Baustelle bedeutet vielleicht auch wieder neuen Bedarf an Backwaren. „Da könnte ich den Verkaufswagen weiter nutzen.“

Fotos: Julia Kling
Video: Julia Kling, Dorothea Nitzsche
Text: Dorothea Nitzsche

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