Der Kummerkasten vom Bau

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Dröhnende Laster, schrille Maschinen und dreckige Straßen sind Begleiterscheinungen der Bauarbeiten von Stuttgart 21. Bei der “Bauinfo” können sich Anwohner darüber beschweren. Hier nimmt man ihre Beschwerden ernst, versichert die Bahn. Die Anwohner hingegen kritisieren, dass sich nichts verändert.

Vor der Jägerstraße 2, gegenüber des Nordeingangs des Stuttgarter Hauptbahnhofs, ist eine Baustelle. Im Gebäude hängt ein Informationsflyer, auf dem ein Maulwurf in DB-Warnweste informiert: Diese kleine Baustelle gehört zur großen – Stuttgart 21. Er sieht ein bisschen witzig aus, der Maulwurf. Und ein bisschen witzig ist auch der Ort, an dem er ausgehängt ist. Denn in der Jägerstraße 2 sitzt die Bauinfo Stuttgart – Ulm und damit die Stelle, die diese Flyer entwirft. Für viele Betroffene der Baustelle ist der Maulwurf aber nicht ganz so witzig. Denn er kündigt oft an: Es wird schmutzig, laut, unangenehm.

Vor den riesigen Bauplänen an den Wänden ihres Büros in der Bauinfo wirkt Oxana Ostwald eher klein. Sie ist 25 und seit November 2013, als die Bauinfo startete, Disponentin vom Dienst. Ihr primäres Ziel: „Dem Bürger die Baustelle zu erklären, wo und wie gebaut wird“. Täglich hört sie zehn bis 15 Anrufern zu. Denn die Stelle, die seit einem knappen Jahr den Bau-Maulwurf als Botschafter für die Stuttgart-21-Bauarbeiten losschickt, informiert nicht nur. Sie ist auch die Stelle, in der die Beschwerden über die Bauarbeiten ankommen.

Oxana Ostwald wirkt präsent, höflich, fröhlich, bestimmt. Das Projekt Stuttgart 21 findet sie „generell sehr sehr interessant“ und deshalb habe sie diese Stelle einfach gereizt. Studiert hat sie eigentlich „etwas ganz anderes“: Sport- und Eventmanagement.

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Oxana Ostwald hat das Ziel, den Bürgern die Baustellen zu erklären.

Die Anrufe und Mails, die bei Ostwald ankommen, sind nicht immer angenehm. Manche Anrufer wollen ihren Frust ablassen. Oxana Ostwald macht das nicht mehr viel aus: “Das gibt es auch. Aber ich bin da professionell genug, dass ich das nicht persönlich nehme und auf alle Fälle für die Bürger da bin.“

Wie sie mit dem Frust, der bei ihr abgeladen wird, umgeht? „Man muss lernen, sich abzugrenzen. Das ist mir am Anfang noch etwas schwer gefallen, jetzt mittlerweile ist es gar kein Problem. Es hat auch abgenommen. Am Anfang, als die Bauinfo gestartet hat, war’s noch ein wirkliches Beschwerdetelefon. Aber das ist jetzt so gut wie gar nicht mehr.“

„Man muss lernen, sich abzugrenzen.“

Diese Abnahme der Beschwerden führt Ostwald auf die Arbeit der Bauinfo zurück, die dann begann, als auch die Baustellen starteten. „Proaktiv“, das betont sie mehrmals, gingen sie und ihre beiden Kollegen schon vor dem Bau auf betroffene Bürger zu. Grundsätzliche Diskussionen über Stuttgart 21 lässt sie nicht zu: „Da bin ich ehrlich: Ich habe keine Zeit zu diskutieren. Das Projekt ist beschlossen, wir hatten einen Volksentscheid, das Projekt wird gebaut.“

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Claudia Jechow ist Anwohnerin im Nordbahnhofviertel. Sie hat sich bei der Bauinfo über Lärm beschwert.

Daran will Claudia Jechow nicht glauben. Sie ist eine Gegnerin von Stuttgart 21, und zwar „von Anfang an, schon bevor wir wussten, dass wir betroffen sind“. Sie engagiert sich in der Bürgerinitiative „Nordlichter“, in der sich Anwohner aus dem Nordbahnhofviertel zusammengeschlossen haben. Weil jeden Tag hunderte Lastwagen durch ihr Wohngebiet fahren. Durch die 30er-Zone. Über Kopfsteinpflaster. Auch nachts. „Die Bahn hätte hier schon lange eine Baulogistikstraße bauen müssen, aber die Stadt gibt immer Sondergenehmigungen dafür, dass sie durch die normalen Straßen fahren dürfen“, erklärt Jechow die Lastwagenfrequenz in ihrem Viertel. Aushub wird transportiert, Baumaterial angeliefert. Claudia Jechow kann mittlerweile am Geräusch unterscheiden, ob ein vorbeifahrender Laster beladen ist oder nicht. In einer dieser Nächte, als gegen halb Zwei wieder vier Laster innerhalb von zehn Minuten vor ihrem Haus unterwegs waren, „war’s einfach zappenduster und da hab ich bei dieser Bauinfo angerufen“.

„Unser Baustellentelefon ist rund um die Uhr besetzt. Tagsüber durch mich und nachts wird es durch unsere Kollegen der DB Dialog überwacht“, erklärt Oxana Ostwald. Ein bis zwei Mal im Monat gäbe es nächtliche Lärmbeschwerden. Wer den Anruf entgegennimmt, überprüft erst einmal: Kommt der Lärm wirklich von einer Baustelle der Bahn? Welche Baustelle ist es? Ist es eine Anfrage, die sofort bearbeitet werden muss? „Man muss da priorisieren“, sagt Ostwald: „Wenn es jetzt eine Lärmbeschwerde, was akutes ist – da muss man sofort reagieren: Alarm, Alarm! Da wird dann sofort die Bauüberwachung angerufen und gefragt: ‘Was ist da los?’“ Sie habe die Handynummern der Bauleiter und werde spätestens am morgen, im Notfall auch noch in der Nacht über die Beschwerde informiert, erkundige sich dann beim Bauleiter und versuche, eine Lösung zu finden. Um dem empörten Anrufer zumindest sagen zu können: In einer Stunde ist alles vorbei.

Claudia Jechows Erfahrung mit der Bauinfo: Der erste Mitarbeiter, den sie um 1.30 Uhr am Telefon hatte, sei wirklich sehr nett gewesen. Habe sie erzählen lassen, in höflichem Ton geantwortet und versprochen: Der Baustellenleiter ruft sie gleich zurück. Doch Jechow wollte nicht, dass in dieser Nacht auch noch das Telefon klingelt. Sie einigten sich auf einen Rückruf am nächsten Tag. Doch nach dem Ärger war Claudia Jechow wach und noch lärmempfindlicher.

„Bei jedem LKW denken Sie, das ist jetzt der letzte.“

„Bei jedem LKW denken Sie, das ist jetzt der letzte.“ Doch es hörte nicht auf. Claudia Jechow rief nach einer Stunde wieder bei der Bauinfo an. „Der zweite Mitarbeiter war dann nicht mehr so freundlich.“ Sie hatte das Gefühl, er würde in Frage stellen, ob das stimmt, mit den Lastern. Sie wies auf ihren ersten Anruf hin, Warteschleife. Dann war der Mitarbeiter plötzlich freundlich. Sein Lösungsvorschlag: Der Bauleiter rufe sie an. Der Anruf kam nie. „Inhaltlich hat’s mir nichts gebracht“, sagt Claudia Jechow. Sie sei ihren Frust losgeworden, habe kurz mit den mehr oder weniger höflichen jungen Herren gesprochen. Aber es fahren nicht weniger Laster an ihrer Wohnung zwischen Nordbahnhofstraße, Eckartstraße und Otto-Umfridstraße vorbei.

Oxana Ostwald erzählt von den Fällen, in denen die Beschwerden Früchte getragen haben. Zum Beispiel habe es im Winter 2013 viele Anrufe wegen dreckiger Straßen auf der Schwäbischen Alb gegeben: „Hohenstadt, Merklingen, die Autobahn. Wir hatten einen sehr, sehr warmen Winter, deshalb wird aus der gefrorenen Erde Matsch. Das ist einfach so“.

Doch man habe sich zusammengesetzt und eine Strategie ausgearbeitet, um Bürgern und Gemeinden entgegenzukommen. Der Bau-Maulwurf informierte die Anwohner: Ab sofort werde es Reifenwaschanlagen, mehr Straßenreinigungen und intensivere Kontrollen geben, damit die Straßen auf der Albhochfläche sauber bleiben.

Ein Beispiel für vorbeugende Arbeit der Bauinfo: Generell werde vorgewarnt, wenn es laut wird: „Entschuldigung, vor Ihnen liegt leider ein unruhiges Wochenende“, steht dann über dem schwitzenden Bau-Maulwurf. Diese Info sei gut, sagt Oxana Ostwald: “Mir hat mal ein Anwohner im Gespräch gesagt: Dann schlafe ich halt mal nicht im Schlafzimmer.”

Bis eine Anfrage bearbeitet wird kann es, je nachdem wie komplex oder spezifisch sie ist, einige Tage dauern, gibt Ostwald zu. Doch um jede Anfrage werde sich gekümmert. Und: „Die Nähe ist uns wichtig. Nicht dass man denkt: Bauinfo, was ist das, das ist was ganz, ganz Fremdes und ein Callcenter, wo ich nicht weiß, wer das ist. Das ist für uns eben wichtig, dass die Bürger wissen: Das ist die Frau Ostwald von der Bauinfo, die gibt es wirklich.“ Claudia Jechow hatte den Namen noch Oxana Ostwald noch nie gehört.

Fotos: Marlene Müller
Video: Marlene Müller, Samira Eisele
Text: Samira Eisele

Immer wieder Montags

An dem Tag, an dem die Lage eskalierte, als Schlagstöcke auf Menschen krachten, Pfefferspray in der Luft lag und Wasserwerfer einem Menschen das Augenlicht raubten, war Manfred Grohe vor Ort und hat Fotos gemacht, weil das sein Job ist.

„Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass eine solche Brutalität in Baden-Württemberg möglich ist“, sagt er heute. Grohe ist einer jener Fotografen, die irgendwie immer da waren, wenn Deutschland sich ein Stück veränderte. Brandt hat er fotografiert, Jung, Kohl und alle, die ihm in der Bonner Republik vor die Linse liefen. Seine Luftaufnahmen von deutschen Städten und Landschaften werden in Kalendern, Bildbänden und Zeitungen gedruckt.

Grohe hat dem entsprechend viel gesehen in seinem Leben. Trotzdem überstieg das, was an jenem schwarzen Donnerstag, den 30. September 2010, geschah, auch seine Vorstellungskraft. „Da waren Tausende Polizisten, Tausende in Kampfuniform!“, sagt er. Ihnen gegenüber standen Demonstranten, Schüler hauptsächlich, die nicht wollten, dass am Tag darauf für das Bahnprojekt Stuttgart 21 die ersten von insgesamt 300 Bäume im Schlossgarten gefällt werden.

Während die Demonstranten friedlich blieben, ließ die Polizei die Situation eskalieren. „Die haben mit voller Gewalt auf die Menschen eingeschlagen“, sagt Grohe. Die Bilanz: Mehr als 400 Personen wurden verletzt, 114 mussten ambulant behandelt werden, 16 wurden direkt ins Krankenhaus gefahren. Gerichtsverfahren gegen Einsatzleiter der Polizei dauern bis heute an.

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Aus der SÜDWEST PRESSE vom 1. Oktober 2010

Das Bild der Polizei und der Politik, die sich gegen die Menschen richtet, die sie eigentlich beschützen sollte, hat sich tief in das Gedächtnis der Stadt eingegraben. Am Tag danach kamen zwischen 50.000 und 100.000 Menschen zu den Demonstrationen gegen das Großprojekt.

Vier Jahre ist der schwarze Donnerstag nun her. Die Bäume sind gefällt, die Seitenflügel des Stuttgarter Bahnhofes sind abgerissen, der Protest geht weiter. An einem Montag im September besucht Grohe die Demonstrationen auf dem Stuttgarter Schlossplatz zum ersten Mal seit langer Zeit. Er trägt einen grünen Jutebeutel, K21 steht darauf geschrieben. „Damit gehöre ich dazu“, sagt er und meint es halb im Scherz. Grohe ist Projektgegner der ersten Stunde, hat zu Hochzeiten regelmäßig mitprotestiert und dem Bündnis gegen S21 seine Luftaufnahmen vom Kopfbahnhof umsonst zur Verfügung gestellt. Eine hängt großflächig vor der Mahnwache, in der seit mehr als vier Jahren ununterbrochen Aktivisten Broschüren mit Grohes Fotos an Passanten geben. „Bürger informieren Bürger“, steht an dem kleinen Häuschen, und: „Mahnwache für das menschen und stadtunfreundliche Bahnprojekt.“


Bei Stuttgart 21 geht es schon lange nicht mehr nur um einen Bahnhof. Vielleicht ist es nie nur darum gegangen. Der Umbau kostet Milliarden, verändert öffentliche Flächen und schafft Platz für neue, mutmaßlich hochpreisige Immobilien. Die Menschen macht das wütend, weil die Zukunft ihrer Stadt entschieden wird und sie das Gefühl haben, nicht mitbestimmen zu dürfen, weil sie der Umgestaltung ihres Lebensraums ohnmächtig zusehen müssen, während andere davon profitieren. Es macht sie so wütend, dass sie seit fünf Jahren jeden Montag auf die Straße gehen.

,,Das war einmal größer hier'', sagt Grohe.

Auf dem Schlossplatz haben sich ein paar Hundert Menschen versammelt. Junge und alte, reiche und arme, alternative und bürgerliche stehen vor einer Bühne und halten Schilder in die Höhe. Das Wetter ist mild, die Sonne kurz vorm untergehen, die Stimmung ist entspannt bis fröhlich. Seit 2009, seit mit der Diskussion über die Finanzierung die Umsetzung des Projektes greifbar wurde, trifft sich die große Familie der Projektgegner jeden Montag um 18 Uhr auf dem Schlossplatz, bislang 237 Mal. Auf der Bühne steht der Verkehrswissenschaftler Winfried Wolf und sagt: „Steter Tropfen hölt den Stein.“ Unten steht die Menge und brüllt: „Oben bleiben, oben bleiben!“ Ihr Gebrüll vermengt sich mit dem dunklen Ton der Posaune, in die ein Mann Mitte 50 mit Lederhosen und hellblauen Hemd bläst. Neben ihm steht eine bunt gekleidete Musikkapelle, die zwischen den Reden auf gemusterten Instrumenten spielt.

Der Bunte Haufen auf dem Schlossplatz hat viel erreicht in den letzten Jahren. Sie haben ein ganzes Bundesland umgewälzt, haben den Grünen zur Macht verholfen und in ganz Deutschland eine neue Protestkultur etabliert. Die Bewegung gegen das Projekt wuchs nach dem schwarzen Donnerstag stetig, die CDU wurde in der Landtagswahl abgestraft und ein neuer Ministerpräsident drückte eine Volksabstimmung über das Projekt durch. Sie sollte zur schwersten Niederlage der Protestbewegung werden. Am Ende entschieden sich 58,9 Prozent für den Tiefbahnhof und rissen dem Protest dem Boden unter Füßen weg. Dass nun alles vorbei und umsonst gewesen sein soll, wollen viele nicht wahrhaben.

Grohe passiert die Absperrung hinter der Bühne, betritt sie ungehindert und macht ein Foto von den Demonstranten. „Ich kann die ja nicht im Stich lassen“, sagt er. „Die können es einfach nicht glauben, dass so ein Wahnsinn möglich ist.“ Grohe weiß, dass der Tiefbahnhof kommen wird, er weiß, dass das Thema durch ist, aber er versteht es nicht. Er versteht nicht, warum das historische Bahnhofsgebäude verstümmelt werden muss („Das ist doch irrsinnig!“), er versteht nicht, warum so viel Geld für einen Tiefbahnhof ausgegeben wird („Die Kosten, die Kosten sind der Wahnsinn!“), der nicht leistungsfähiger als der Kopfbahnhof wird („Jetzt schon einer der leistungsfähigsten in Europa!“), warum man Menschen, die sich nur selbst bereichern wollen, gewähren lässt („Das ist doch ein reines Immobilienprojekt!“). Es ist ihm nicht verständlich und macht den sonst so gelassenen Mann wahnsinnig wütend.

Nach knapp einer Stunde ist sie schon wieder vorbei, die 237. Montagsdemonstration auf dem Schlossplatz. Die bunte Musikkapelle macht zum Schwabenstreich noch ein letztes Mal gehörig Lärm, dann zieht die Demonstration auf gewohntem Weg durch die Stadt. Nach einem halben Jahrzehnt hat sich Routine breit gemacht, von der Bühne ist nach einer weiteren Stunde schon nichts mehr zu sehen und Grohe macht sich auf den Weg zu seinem Zug.

„Das ist schon ein schöner Bahnhof“, sagt er. Ihm gefällt der monumentale Bau, und dass die Menschen sich bei einem Kopfbahnhof Zeit lassen können, um von einem Gleis zum anderen zu kommen. Es ist ihm wichtig, das zu erhalten. In der Bahnhofshalle haben sechs Frauen und drei Männer ein Protestschild mit Kastanien und Spielzeugeisenbahnen bedeckt und singen ein Trauerlied. Ein junger Mann trägt Kopfhörer, eine ältere Dame eine beige Bluse mit Rüschen, alle tragen einen grünen K21-Jutebeutel. Grohe geht an ihnen vorbei ohne anzuhalten. Sie alle haben im Alltag wahrscheinlich wenig miteinander gemein. Doch was sie verbindet ist ihre Stadt, ihr Lebensraum und die Gewissheit, dass ihnen nicht gefällt, was damit geschieht.

Fotos: Manfred Grohe und dpa
Video: Thomas Block, Matthias Stelzer
Text: Thomas Block

Wo die blauen Rohre enden

Prost! Die Pappbecher gehen zum Mund. Nun rinnt Wasser, das rund zwei Stunden zuvor Baugruben-Suppe war, die Kehlen von Gerrit Enge und Björn Weber herunter.

Enge vertritt die Bahn-Projektgesellschaft, Weber die Firma Hölscher Wasserbau, die das Grundwassermanagement für Stuttgart 21 betreibt. Beide stehen in der großen Halle der Zentralen Wasseraufbereitung (ZWA). Sie laden zu einem ungewöhnlichen Ständerling ein.

Es ist kein Trinken aus Durst, sondern ein Trinken aus Trotz.  Projektgegner werfen den Ingenieuren vor, belastetes Wasser in den Boden einzuleiten. Im Juni hatte ein Laster zwei der Rohre, die sich durch Stuttgart schlängeln, heruntergerissen. Wasser strömte heraus – auch  rostrotes. Das gehe auf beim Unfall gelockerten Rost zurück, sagt Weber: „Flugrost ist gerade beim Anlaufen nicht auszuschließen.“ Eisenoxide seien aber nicht wassergefährdend.

Der Besuch in der ZWA, dem Herzen des Grundwassermanagements für den Tiefbahnhof-Bautrog, soll zeigen: Hier wird sauber gearbeitet, gemessen, dokumentiert. Und: Hier sind Profis am Werk. Die Bahn hat bereits machnen Bahnhof in schwierigem Gelände gebaut. Hölscher, seit 50 Jahren im Geschäft, ist derzeit beim Metrobau in Amsterdam und in Kopenhagen beschäftigt.

All das erklären Weber und Enge vorab im nahen Turmforum. Die Debatten um das Rostwasser, davor um angeblich drohende Schäden an Bäumen und Gebäuden, empören die Fachleute. Sie haben einiges klarzustellen. „Es gibt sehr, sehr viele Auflagen“, sagt Enge. Man wisse, was zu tun, wie es zu erreichen sei. Das Grundwassermanagement hat drei Ziele: keine Schäden an Flora, Fauna und Landschaft, keine Beeinträchtigung von Grund- und Heilwasser, keine Gebäudeschäden. Dafür muss der Grundwasserpegel im Bereich der natürlichen Schwankungen bleiben.

„Das innerstädtische Grundwasser ist gerne belastet.“

Hinunter auf die Baustelle: Viel ist nicht los, die Straßen sind schlammig. Die ZWA ist ein Zweckbau, aufgehübscht durch blaue Wasserbehälter davor. Wer am Bahnhof ankommt, erkennt das Gebäude am Rand des Schlossgartens sofort. Zunächst geht es zu einem Übersee-Container neben dem Gebäude. Weber schließt auf. Im lockeren Ton erklärt der Niederrheiner Rohre und Schalter. Es ist eine von mehreren Übergabestationen: Hier kommt Grubenwasser an, wird geprüft, neutralisiert und weitergeleitet. „Das innerstädtische Grundwasser ist gerne belastet“, sagt Enge. Altlasten, Zivilisationsdreck, Öle der Baumaschinen und mehr – das darf nicht versickern, es muss in die Reinigung.

Ein Rundgang durch das Grundwassermanagement: So wird aus dreckiger Baugruben-Brühe trinkbares Wasser.

Hinein in die ZWA. Drinnen empfängt den Besucher ein Surren, dazu das an- und abschwellende Rauschen von Wasser in Rohren. In den teils deckenhohen, blauen Zylindern passiert das, was jede Kläranlage macht: Feststoffe werden entfernt, das Wasser wird gefiltert. Alternativ erledigen das Zentrifugen, was schneller geht, aber Strom frisst. „Danach ist das Wasser optisch klar“, erklärt Weber.

Es folgt ein Ölabscheider. Weitere organische Stoffe holen Aktivkohlefilter heraus. Dann kommen die anorganischen Feststoffe an die Reihe – Schwermetalle entfernt ein Ionentauscher, Ammoniakrückstände von den Sprengungen im Tunnelvortrieb erledigt die Oxidationsstufe. Am Ende wird der ph-Wert neutralisiert. Erst dieses Wasser kommt zu den 44 Infiltrationsbrunnen, die auf dem Areal verteilt stehen. In jedes kommt so viel Wasser wie nötig, um den Grundwasserpegel zu stabilisieren. Der Rest geht in den Neckar.

„Das System ist redundant.“

Das Reinigungsverfahren läuft in drei voneinander getrennten Ketten ab, manche Stufen werden nur bei Bedarf zugeschaltet. „Das System ist redundant“, sagt Weber. Fällt ein Teil der Anlage aus, springt der andere ein.

Das gilt auch für die Leitzentrale, ein kleiner Raum treppaufwärts. Ein unspektakuläres Büro: Computer, Monitore, ein blinkender Server-Schrank, Schaltpläne an der Wand. Hier können alle Messstellen kontrolliert, alle Werte abgerufen werden. Die Mitarbeiter können auch via Internet eingreifen. Die Leitzentrale steuert auch das zweite Grundwassermanagement im Nordosten am Abstellbahnhof – derzeit 21 Brunnen samt Wasseraufbereitung. Bislang ist die Anlage zu 50 Prozent ausgelastet. Ob man gleich nebenan eine zweite Wasseraufbereitung bauen wird, ist noch nicht klar.

Was der ganze Aufwand kostet? Enge gibt sich zurückhaltend: „Es sind ein paar Millionen Euro – und zwar im zweistelligen Bereich.“

Fotos, Video und Text: Fabian Ziehe

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