Rumpeln in Temmenhausen

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Mit Tempo 250 soll der Zug über die Alb rasen. Dank der neuen Schnellbahntrasse werden Reisende in weniger als einer halben Stunde von Ulm nach Stuttgart kommen.

Der Spatenstich vor eineinhalb Jahren bei Dornstadt war auch Auftakt für den Ausbau der A8. In vier Jahren wird die Autobahn zwischen Ulm-West und Hohenstadt sechsspurig sein. Der erste ICE dürfte im Jahr 2021 über die 60 Kilometer lange Neubaustrecke zwischen Ulm und Wendlingen jagen. Spätestens dann können die Einwohner von Temmenhausen aufatmen. Lärm und Baudreck sollen dann vergessen sein.

„Entscheidend ist die Aussicht, dass es besser wird“, sagt Andreas Engels. Über die bisherigen 18 Monate mit der Großbaustelle weiß der Temmenhauser Ortsvorsteher jedenfalls nicht viel Gutes zu berichten.

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Ein Baulastwagen kurvt durch Temmenhausen

Nicht nur die vielen Bau-Lastwagen, die durch das Dorf rumpeln, stellten eine Belastung für den 650 Einwohner zählenden Dornstadter Teilort dar, auch der Umleitungsverkehr. Sobald die Autobahn zwischen Ulm-West und Merklingen baustellenbedingt oder wegen eines Unfalls blockiert sei, rolle die Blechlawine durch den Ort.

„Am schlimmsten ist es, wenn die Lastwagen leer sind“, sagt Georg Bückle. Der Landwirt, der auch dem Ortschaftsrat angehört, wohnt unmittelbar an der Durchgangsstraße und muss manchmal ziemlich lange warten, bis er mit dem Traktor vom Hof fahren kann.

„Wir in Temmenhausen haben ausschließlich Belastungen“ – sagt Landwirt Georg Bückle

Die meisten Fahrer der Bau-Lkw halten sich zwar an die Geschwindigkeitsbegrenzung, meint Bückle. Aber mit 50 Sachen über einen Gullydeckel oder durch ein Schlagloch – „das ist schon heftig“. Aus diesem Grund plädiert Bückle für Tempo 30 in Temmenhausen, zumindest während der Bauzeit.

„50 ist zuviel“, meint auch Andreas Engels. Die Mehrheit im Ortschaftsrat habe sich allerdings für Tempo 40 ausgesprochen, „das würde schon was bringen“ , glaubt auch der Ortsvorsteher, und hofft auf Unterstützung durch den Dornstadter Gemeinderat.

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Das Containerdorf der Baufirma “Heilit und Wörner”

Unterstützung hatte auch das Regierungspräsidium Tübingen zugesagt. Vor Beginn des Autobahn-Ausbaus, den die Behörde im Auftrag des Bundes organisiert, war von einem Umleitungs-Verkehrskonzept die Rede. Daraus ist nach den Worten des Ortsvorstehers nichts geworden.

Die Umleitungsstrecke verlaufe nach wie vor durch Temmenhausen, die erhoffte Fußgängerampel in der Ortsmitte gibt es nicht. Engels: „Wir fühlen uns allein gelassen vom Regierungspräsidium.“

Vom Durchgangsverkehr hat auch Greta Eisele nichts, dafür umso mehr von der Baustelle. „Hätte ich meine Bauarbeiter nicht, wäre ich bestimmt schon arbeitslos hier“, sagt die Verkäuferin. Ihr Arbeitsplatz ist ein Verkaufscontainer, den eine Dornstadter Bäckerei kurz nach Eröffnung der Mega-Baustelle in Temmenhausen aufgestellt hat.

Von 6.45 bis 12.15 Uhr ist Greta Eisele für ihre Kunden da, außer Backwaren und heißem Kaffee gibt es immer etwas zu erzählen. So hat die freundliche Verkäuferin schon zahlreiche Fans unter den Fahrern der Baulastwagen gewonnen. „Die hupen mir auch immer zu“, freut sie sich.

Gleich neben der für Temmenhausener Verhältnisse viel zu gelb gestrichenen Bäckereifiliale steht die „Krone“. Seit 1816, erzählt Gerhard Erb, befinde sich die Dorfwirtschaft in Familienbesitz. Entgegen der landläufigen Meinung, dass eine Langzeit-Baustelle die örtliche Gastronomie ankurbelt, zählten kaum Bauarbeiter zu seinen Gästen, sagt der Wirt.

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25 Bauarbeiter leben in dem Containerdorf

Von den etwa 25 Arbeitern, die im Containerdorf der Baugesellschaft Heilit und Woerner am südwestlichen Ortsrand untergebracht sind, komme nur selten jemand auf ein Bier oder zum Vespern, sagt der Wirt.

Und am Wochenende, wenn in der „Krone“ am meisten los ist, fahren die Männer,
die laut ihrem Arbeitgeber alle aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt kommen, wieder zu ihren Familien nach Hause.

An den Baustellenverkehr hat sich Erb gewöhnt. Die Lastwagen seien ja ausschließlich tagsüber unterwegs, nicht bis spät in die Nacht hinein. „Der Lärm hält sich in Grenzen“, meint der Kronen-Wirt, „die Traktoren werden ja auch immer größer“.

Und der Dreck auf den Straßen? Ende vergangenen Jahres war das in Temmenhausen, Tomerdingen und Dornstadt sowie in Merklingen ein großes Ärgernis. Abhilfe brachte der „Schlammgipfel“, den das Landratsamt Alb-Donau-Kreis einberufen hatte.

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Die Baustelle bei Temmenhausen

Die an der Schnellbahntrasse und am Autobahnausbau beteiligten Firmen wurden verpflichtet, ihre Fahrzeuge zu kennzeichnen, die Reifenwaschanlagen und Abrollstrecken an den Baustellen sollten benutzt und häufiger gereinigt werden, Kehrmaschinen die Straßen, die als Baustellenzu- und -abfahrt dienen, einigermaßen sauber halten.

Im Büro der gemeinsamen Bau-Überwachung in Merklingen wurde zudem ein Beschwerde-Telefon eingerichtet. Das alles scheint zu wirken. Seit geraumer Zeit gebe es keine Klagen mehr, sagt eine Mitarbeiterin der Bau-Überwachung. Zumal, wie auch ein Fahrer berichtet, manche Firmen bei Regenwetter öffentliche Straßen meiden.

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Diese Brücke führt nach Temmenhausen

Die Bestätigung aus Temmenhausen kommt von Ortschaftsrätin Barbara Neidlinger, die ebenfalls an der Durchgangsstraße wohnt. „Das hat sich gebessert“, antwortet sie auf die Frage nach der Schmutzbelastung. Überhaupt seien die Baufirmen recht kooperativ: „Die lassen mit sich reden.“

Wie geht es mit Temmenhausen weiter, wenn die Bauarbeiter ihr Werk vollendet haben? Nach Ansicht von Ortsvorsteher Engels hängt viel davon ab, ob der Halt für Interregio-Express-Züge in Merklingen realisiert wird. „Das wäre ein Riesengewinn für Temmenhausen.“ Dann könnte auch Georg Bückle dem Projekt etwas abgewinnen: „Ja, Merklingen würde was bringen.“

Deutlich kritischer sieht Bückle den Autobahnausbau: Mehr Spuren bedeuteten auch mehr Verkehr – „und wenn auf der Autobahn was ist, haben wir auch mehr Verkehr in Temmenhausen. „Das macht mir ein bisschen Angst.“ Engels widerspricht: Mehr Spuren heiße weniger Stau und damit weniger Ausweichverkehr durchs Dorf.

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Hinter der Lkw-Kolonne befindet sich der Lärmschutzwall der Autobahn

Jetzt bereits wirkt sich der zehn Meter hohe und mehrere Kilometer lange Lärmschutzwall aus. „Man sieht und hört keine Autobahn mehr“, sagt Engels. Doch auch damit können sich laut Barbara Neidlinger nicht alle im Ort anfreunden. Man sei in Temmenhausen mit der Autobahn aufgewachsen, habe sich an das Brummen und den Anblick der Autokolonnen gewöhnt gehabt: „Manche sagen, ,wir sehen gar nichts mehr’.“

Fotos: Matthias Kessler
Video: Thomas Block
Text: Thomas Steibadler

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